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Digitalisierung – Sirenengesänge oder Schlachtruf einer kannibalistischen Weltordnung

Digitalisierung ist Staatsaufgabe höchster Priorität. Das Feld ist bereits gut vorbereitet. Dennoch regen sich Kritik und zum Teil auch Widerstand gegen einen weiteren, intensivierten Ausbau der Digitaltechnologie: Die Möglichkeit einer digitalen Totalüberwachung wird ebenso vorstellbar, wie der Verlust von immens vielen Arbeitsplätzen, von Privatheit, persönlicher Freiheit und demokratischer Teilhabe, psychischer und physischer Unversehrtheit. Ein Auszug von Klaus-Jürgen Bruder aus dem Buch „Digitalisierung – Sirenengesänge oder Schlachtruf einer kannibalistischen Weltordnung?“.

»Digitale Revolution«, »Digitalisierung«, »Digitalpakt« und »5G-Mobilfunk«, »Internet der Dinge«, »Künstliche Intelligenz«, »Blockchaining«, Abschaffung des Bargeldes, autonomes Fahren und so weiter; so lauten die klangvollen Refrains des Sirenengesangs, die von den Eliten der deutschen, westlichen und globalen Politik und Wirtschaft angestimmt werden. Digitalisierung ist Staatsaufgabe mit höchster Priorität und festverbunden mit den sprachlich-metaphorischen »Frames« (Elisabeth Wehling): »Fortschritt«, »Wohlstand«, »Zukunft«, »Jugend« und andere mehr. Die Überzeugungsarbeit der Vorzüge, Erleichterungen, Verwöhnungen und Effizienzsteigerungen der von Computern und Smartphones gestützten und vernetzten Digitalwelt haben das Feld bereits gut vorbereitet, und das angestrebte 5G-vernetzte Web 4.0 wird auch als Prolongierung und Optimierung dieser Positiveffekte verkauft.

Dennoch regen sich Kritik und zum Teil auch Widerstand gegen einen weiteren, intensivierten Ausbau der Digitaltechnologie: Die Möglichkeit einer digitalen Totalüberwachung wird ebenso vorstellbar wie der Verlust von immens vielen Arbeitsplätzen, von Privatheit, persönlicher Freiheit und demokratischer Teilhabe  sowie psychischer und physischer Unversehrtheit. Der mit der angestrebten digitalen Hyper-Technisierung verbundene Extraktivismus wird die letzten Reserven an Rohstoffen angreifen und eine exorbitante Menge an Energie erfordern, die Klimakatastrophe verschärfen, die Natur (die natürliche Mitwelt des Menschen) mit Giftstoffen, Abfällen und hoch gepulster elektromagnetischer Strahlung hoher Frequenzen belasten.

Dies alles folgt der Logik eines digital beschleunigten kapitalistischen Marktradikalismus, der schon alle Beschönigungen eines sogenannten »Neoliberalismus« weit hinter sich gelassen hat, und die Frage nach dem »cui bono« beantwortet sich fast automatisch im Hinblick auf wenige Machteliten und eine technische, des Programmierens fähige Oberschicht.

Der »Krieg nach innen und außen« wird im »Krieg um die Köpfe« grundgelegt und basiert immer mehr auf der Verfügungsgewalt über Elektronik, spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg ist dem so. Digitale Computertechnik auf der Basis binärer Logik wurde als technische Antwort auf politisch-militärische Fragestellungen im Kontext der Materialschlachten des Zweiten Weltkrieges entwickelt. Der digitale Kapitalismus befindet sich im Kriegsmodus, weil er die Grundbedingungen und Fragestellungen seiner Anfänge weiter mit sich führt: schneller zu rechnen als der Gegner, mit spieltheoretischen Algorithmen dessen Züge antizipieren, Befehle effektiv abarbeiten, das Terrain erobern, »the winner takes it all«.

Die »äußeren Zwänge« der Informations- und Kommunikationstechnik (kurz: IKT) sind längst innere Zwänge geworden, weil sie täglich seelisch metabolisiert werden: Dass eine maschinelle »Interface-Welt« ohne Bewusstsein und Verstehen gerade dieses total-simuliert, wird zum unheimlichen Hintergrund der Erfahrung und zur Ursache eines zuvorkommenden nicht authentischen Verhaltens, das stets mit Überwachung (und folglich Entdeckt-, Beschämt- und Beschuldigtwerden) rechnet. Privatheit und Geheimnis (schon frühkindlich Kern der Identitätsbildung) sind allein durch die Möglichkeit ihrer Verwehrung und Verletzung bedroht, durch die technisch umgesetzte Totalüberwachung werden sie zerstört und damit auch die Integrität der Person.

Was ist zu tun im Übergang zu einer neuen Phase der Digitalisierung oder »Digitalen Revolution«? Zunächst weist die aufkeimende Kritik auf etwas zum Digitalen Anderen hin: die mögliche Hochschätzung des Humanen und Analogen, die dem Wirklichen entspricht, das uns trägt, umgibt und erfüllt. Wir sind Menschen und analoge Wesen wie die Mitwelt, die Natur, in die wir eingebettet sind. Die zur Zeit der Entwicklung der ersten Digitalrechner auch gedanklich erarbeitete Kybernetik nach Norbert Wiener trug dieser Wirklichkeit auf verstehende und zulassende Weise Rechnung, als Theorie der Information in technischen, lebendigen und sozialen Systemen, die aufgrund von Selbstregulation funktionieren (indem sie Feedback, auch negatives, verarbeiten).

Dieser andere Ansatz des respektvollen, verstehenden Umgangs mit komplexen Systemen drückt sich in mannigfachen Gestaltungen und Bewegungen neben, teils im Gegensatz zu dem »erfolgreichen« Mainstream des binär-digitalen Kapitalismus aus, so in der Ökologie-Bewegung, in der Open-Source-Bewegung, in den Systemischen (und auch anderen) Therapieansätzen – oder im Bereich der Musik als Community der Analog-Modularen Klangsynthese. Auch ist an alternative Online-Informationskanäle zu denken, die das Monopol der öffentlich-rechtlichen, privaten und kommerziellen Medien brechen.

Die Kybernetik sozialer Systeme hat in den beginnenden Siebzigerjahren eine Rolle in der DDR, in der UdSSR, in Kuba und in Chile unter Salvador Allende gespielt, jeweils mit der erklärten Absicht, die Gesellschaftssysteme zum Nutzen aller besser zu verstehen. Im Rahmen der Zapatistischen Bewegung in Mexiko wird ein grundlegend anderer Begriff von Technologie und Technik entwickelt, der in einem sozialen System von partizipativem Zusammenleben, Verehrung der Schöpfung und einer symbolischen Kunst der Gemeinschaft wurzelt und dem oben genannten offenen kybernetischen Ansatz Wieners sehr viel mehr entspricht als dem westlichen Digitalismus – obwohl auch hier Digitaltechnik eine wesentliche Rolle spielt, nur dient sie eben der Allgemeinheit, auch über die Grenzen der eigenen Kommunität durch die Vernetzung mit anderen indigenen Völkern hinaus.

Allerdings ist bei allen alternativen Online-Informationskanälen zu bedenken, dass auch hier Möglichkeiten der Überwachung und Decodierung gegeben sind, insbesondere weil es bei der kursierenden Software Programmebenen geben kann (»Hintertüren«), die nur wenigen bekannt sind, und weil die Server größtenteils auch unter der Kontrolle nur weniger betrieben werden. Aber der Kampf im Netz (beispielsweise jener der Zapatisten) ist dabei das Entscheidende.

Wir dürfen uns nicht von den Sirenengesängen verführen lassen und müssen uns auch die Gefahren vergegenwärtigen.

Klaus-Jürgen Bruder

Klaus-Jürgen BruderKlaus-Jürgen Bruder ist Psychoanalytiker, Professor für Psychologie an der Freien Universität Berlin, Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie, sowie unter anderem Herausgeber der Schriftenreihe "Subjektivität und Postmoderne" im Gießener Psychosozial-Verlag.

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