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Die Wohnung als Corona-Falle: Lüften oder Filtern?

Mit der Coronavirus-Pandemie und den Lockdowns wurde noch einmal klar, dass die Wohnung ein entscheidender Lebens- und Rückzugsort, aber auch ein Gefängnis ist. Der Aufenthalt von zwei und mehr Menschen in Innenräumen ist zur Bedrohung geworden. Es wird, auch wegen der Kosten, gestritten, ob regelmäßiges (Stoß)Lüften im Winter besser ist als der Einsatz von Luftfiltern, um die Luft in den Innenräumen von Coronaviren, anderen Viren und Bakterien, Feinstaubpartikeln und was auch immer in der Luft schweben mag, zu befreien. Ein Kommentar von Florian Rötzer, Autor des Buches „Sein und Wohnen“.

Menschen belasten durch ihre körperliche Anwesenheit, auch wenn sie keine Viren- oder Bakterienspreader sind, alleine durch ihren Atem die Luft in den Innenräumen beträchtlich, indem die CO2-Konzentration erhöht wird. Davon abgesehen hinterlassen sie Haar- und Hautpartikel, die zum Boden fallen, sich mit dem Staub vermischen und als Lebensgrundlage etwa für Hausstaubmilben dienen. Neben ausgestoßenen Aerosolen, die längere Zeit in der Luft schweben und Virenträger sein können, erhöht sich bei jedem Ausatmen die CO2-Konzentration. Pro Minute atmet jeder Mensch bis zu 10 Liter Luft aus, die mit 4 Prozent bzw. 40.000 ppm CO2 belastet ist. In der Außenluft liegt die Konzentration normalerweise nur bei 0,04 Prozent oder 400 ppm, in der vorindustriellen Zeit waren es sogar nur 280 ppm. Ab 1500 ppm wird man müde, ab 2000 ppm erhöht sich das Ansteckungsrisiko, ab 5000-6000 ppm wird es bedenklich.

Die CO2-Konzentration hat in Innenräumen entscheidend mit der Atmung zu tun. Je höher die Konzentration, desto mehr Luft, die eingeatmet wird, ist schon in den Lungen gewesen, weswegen auch ein höheres Ansteckungsrisiko besteht. Das war bereits Thema der Hygienebewegung, die im Laufe des 19. Jahrhunderts entstand und Licht, Luftzirkulation, Sauberkeit und Grün in den Städten und Wohnungen propagierte. Das stand auch hinter dem Schlagen von Schneisen in den verdichteten Stadtraum, dem Abriss der Stadtmauern und der Anlage von Parks, wie dies etwa Baron Haussmann in Paris durchführte, der die dichten und verdreckten Innenstädte aufschlitzte, während man sich bemühte, Schmutz und Gestank durch Abfall und Abwässer aus den Häusern, Straßen, Flüssen und Kanälen zu bringen.

Allein die allmähliche Verbreitung des Siphon für Toiletten und andere Abwasserrohre beendete in hohem Ausmaß zusammen mit der Wasserspülung und der Abgrenzung von Toilettenräumen den Gestank in den Wohnungen. Wie es Ende des 18. Jahrhunderts noch zuging, lässt sich anschaulich für Paris in den 1781 erschienenem „Tableau de Paris“ von Louis-Sébastien Mercier nachlesen. Bei der Hygienebewegung im 19. Jahrhundert spielte nach der Reinigung des öffentlichen und privaten Raums schließlich auch die Verschmutzung der Luft durch die von Menschen selbst abgegebenen „faulen Gase“ eine Rolle, die für viele Krankheiten wie TBC oder Diphterie, aber auch für Rheumatismus oder Kopfweh verantwortlich gemacht wurden. Der amerikanische Hygieniker Louise Leeds schrieb so 1866: „Der Atem der Menschheit ist sein größter Feind.“

Lüften ist jedenfalls kein Allheilmittel, sondern kann, je nach Zustand der Außenluft, natürlich auch mehr Feinstaubpartikel, Stickstoffdioxid und CO2 in den Raum bringen. Es reduziert die angesammelte Virenkonzentration zudem nicht auf Dauer, sondern nur periodisch, zumindest wenn es einen Durchzug gibt. Luftfilter hingegen verringern nicht die CO2-Konzentration, können aber kontinuierlich Feinstaubpartikel, Aerosole oder Virenbelastung aus dem Raum entfernen, sofern die gesamte Luft im Innenraum oft genug die Filter passiert.

Auf jeden Fall hat die Cornonaviruspandemie die große Säuberung oder die Hygienepolitik, die seit Ende des 18. Jahrhunderts nach dem Zeitalter des Schmutzes aufgrund einer falschen wissenschaftlichen Theorie von Miasmen einsetzte, weiter getrieben. Bislang sorgte man sich in den Wohnungen um die Reinigung der Oberflächen, die entsprechend schmutz- und staubabstoßend gemacht und mit Staubsaugern und anderen Geräten, zudem mit chemischen Mitteln gesäubert und desinfiziert wurden. Parallel wurde die Körperpflege weiter ausgebaut, Haare werden gerodet, der Mund desinfiziert, mehrmals geduscht, permanent die Hände gewaschen und die Geruchsreste auf dem weiterhin noch von Bakterien und anderen Gästen bewohnten Leib mit Deo verbannt.

Das tödliche Problem der verschmutzten Luft außen und auch in den Innenräumen ist schon länger bekannt. Die Luftverschmutzung fordert, anders als Epi- oder Pandemien kontinuierlich Menschenleben bzw. verkürzt die Lebenserwartung von Millionen von Menschen jährlich. Nach der WHO sterben jedes Jahr vier Millionen Menschen weltweit aufgrund von Luftverschmutzung: 91 Prozent der Menschen sollen einer Feinstaubbelastung oberhalb der von der WHO empfohlenen Konzentration von 10 μg/m3 ausgesetzt sein (Hälfte der Menschheit ist zunehmender Luftverschmutzung ausgesetzt). Auch bei der Coronaviruspandemie scheint Luftverschmutzung das Sterberisiko zu erhöhen.

Um das Risiko einer Ansteckung durch von Mitmenschen ausgestoßene und mit Viren beladenen Aerosole zu senken, wird uns nun neben dem regelmäßig wiederholten Lüften, was vor allem bei den neuen Fenstern notwendig ist, die zur Optimierung der Energieeffizienz einen Luftaustausch verhindern, auch die Technik der Luftfilter empfohlen, wenn es nicht schon Klimaanlagen gibt, die den Luftumschlag besorgen und Frischluft zuführen. Die Wohnung bzw. der Innenraum wird, wie die Covid-19-Pandemie vor Augen führte, zu einem gefährlichen Raum, der nicht Schutz und Rückzug bietet, sondern sich zu einer Brut- und Verbreitungsstätte von Krankheiten durch Erreger und Feinstaub mutiert.

Wenig verwunderlich ist, dass eine ähnliche Diskussion auch während der Spanischen Grippe aufkam, als man ebenfalls eine Technik einsetzte, um die Luft reinzuhalten. Sowieso war die moderne Architektur seit dem Bauhaus auch geprägt von der jahrhundertelangen Seuchengeschichte und der erst im 20. Jahrhundert erfolgten Entdeckung von Bakterien als Krankheitserregen, die von Mensch zu Mensch weiter gegeben werden. Anfang des 20. Jahrhunderts war vor der Spanischen Grippe die Tuberkulose die große Geißel, die sich über die Luft durch Husten, Niesen, Spucken oder auch Sprechen verbreitete. Sie trieb die schon im 19. Jahrhundert einsetzende Hygiene- und Frischluftbewegung weiter an.

Die Architektur öffnete sich mit neuen Materialien und Bauweisen der Luft, dem Sonnenlicht und dem Grünen, man hielt Abstand, verpönte das Spucken und setzte auf Hygiene. In New York wie in anderen amerikanischen Städten und Ländern kam dazu die schlecht regulierbare, aber ohne Pumpen auskommende Dampfheizung mit Heizkörpern, mit denen sich die Wohnungen auch im Winter und selbst bei geöffneten Fenstern warm halten ließ. Das wurde, wie Dan Holohan beschreibt zum Wundermittel gegen die Spanische Grippe. Der Board of Health in New York ordnete an, dass auch bei kaltem Wetter die Fenster geöffnet bleiben sollten, nachdem man Aktivitäten nicht mehr nach draußen verlegen konnte. Räume mit geschlossenen Fenstern, in denen keine Frischluft zirkulierte, führen dazu, die krankmachenden Ausdünstungen der anderen Menschen einzuatmen und daran erkranken zu können.

Die Dampfheizungen wurden seit der Spanischen Grippe zum Standard, was dazu führte, dass die Räume gerne überheizt waren und zum Lüften zwangen, auch wenn keine Epidemie die Gesundheit bedrohte. Dazu kamen Fenster, die besser abdichteten. Man versuchte der Hitze Herr zu werden, indem die Heizkörper mit einer Farbe gestrichen wurden, durch die sie weniger Hitze abgaben, oder sie wurden eingepackt, um Kinder vor Verbrennungen zu schützen. Noch jetzt werden nach dem Bericht „Demystifying Steam“ des Urban Green Council (2019) 80 Prozent der Wohngebäude mit Dampf beheizt, 70 Prozent der Heizungen seien im Winter dauerhaft zu heiß. Vor einem Jahr hieß es, man könne durch neue Heizsysteme nicht nur überhitzte Räume vermeiden und Kosten sparen, sondern auch drastisch CO2-Emissionen reduzieren. In diesem Winter könnten die Menschen in den mit den alten Dampfheizungen ausgestatteten Wohnungen wieder dankbarer sein: Sie können die Fenster wieder öffnen, ohne zu frieren.

Florian Rötzer

Florian RötzerFlorian Rötzer, geboren 1953, hat nach dem Studium der Philosophie als freier Autor und Publizist mit dem Schwerpunkt Medientheorie und -ästhetik in München und als Organisator zahlreicher internationaler Symposien gearbeitet. Seit 1996 ist er Chefredakteur des Online-Magazins Telepolis und Herausgeber der Telepolis-Buch- und eBook-Reihe. Von ihm erschienen sind u.a. „Die Telepolis. Urbanität im digitalen Zeitalter“ (1995) und „Vom Wildwerden der Städte“ (Birkhäuser 2006). Bei Westend erschien zuletzt sein Buch »Smart Cities im Cyberwar« (2015).

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