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Jean Ziegler Jean Ziegler

Die sanfte Gewalt der Vernunft

Krieg, Umweltzerstörung und Ausbeutung: Die Profite global agierender Konzerne werden oft auf Kosten der Umwelt und der Menschen in Entwicklungsländern eingestrichen. In seinem Buch Leistet Widerstand! fordert Jean Feyder die Politik auf, endlich zu handeln und der globalisierten Gleichgültigkeit den Riegel vorzuschieben. „Jean Feyders Buch Leistet Widerstand! ist ein wichtiges und vor allem ein außerordentlich informatives Werk mit vielen präzisen Fallanalysen und faszinierenden Erlebnisberichten … Wir schulden Jean Feyder für seinen jahrzehntelangen Kampf und für dieses Buch Bewunderung und Dankbarkeit“, schreibt Jean Ziegler. Hier einen Auszug aus seinem außerordentlich lesenswerten Vorwort.

Bertolt Brecht schreibt: »Ja, ich glaube an die sanfte Gewalt der Vernunft über die Menschen. Sie können ihr auf die Dauer nicht widerstehen. Kein Mensch kann lange zusehen, wie ich einen Stein fallen lasse und dazu sage: er fällt nicht. Dazu ist kein Mensch imstande. Die Verführung, die von einem Beweis ausgeht, ist zu groß. Ihr erliegen die meisten, auf die Dauer alle..«

Jean Feyder ist ein außergewöhnlich talentierter Diplomat, ein brillanter Autor und ein starrköpfiger Realist. Er glaubt an die sanfte Gewalt der Vernunft, um diese kannibalische Weltordnung zu stürzen. Jean Feyder war lange Jahre Botschafter des Großherzogtums Luxemburg beim europäischen Sitz der Vereinten Nationen und den anderen internationalen Organisationen in Genf. Er hat dort mit großer Sachkenntnis und viel persönlichem Mut einen politischen Einfluss ausgeübt, der in keinem Verhältnis stand zur diplomatischen, wirtschaftlichen Bedeutung seines Heimatlandes (Luxemburg hat eine Einwohnerzahl vergleichbar mit jener des Kantons Genf). Wenn er redete war es mucksmäuschenstill in dem freskenbemalten Saal der Welthandelsorganisation oder im Saal der »Allianz der Zivilisationen «, wo der UNO-Menschenrechtsrat tagt. Der chinesische Botschafter, die amerikanische Botschafterin hörten genau hin. Jean Feyder tritt bescheiden auf. Seine intellektuelle Brillanz wirkt nie arrogant. Er redet leise, aber er war und ist – wie mir Siad Doualeh, der somalische Poet und Botschafter Djiboutis, oftmals versicherte –, die »Stimme der Menschen ohne Stimme«, »unser Mann«, »wir vertrauen ihm«.

Der Mann aus dem Kleinstaat Luxemburg besetzte in der multilateralen Diplomatie regelmäßig entscheidend wichtige Posten, zum Beispiel den Vorsitz des Rates für Handel und Entwicklung in der UNCTAD.

Alle fünf Sekunden stirbt auf unserem Planeten ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. Der »World-Food-Report« der FAO, in dem die Zahl der Opfer zu finden ist, die von niemand bestritten wird, besagt, dass die Landwirtschaft heute 14 Milliarden Menschen – also fast das Doppelte der gegenwärtigen Weltbevölkerung – ernähren könnte. Das Problem ist nicht mehr fehlende Produktion, sondern fehlender Zugang zu Nahrung. Fazit: Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.

Wir leben unter der Weltdiktatur der Oligarchen des globalisierten Finanzkapitals. Vergangenes Jahr haben die 500 größten transkontinentalen Privatkonzerne über die Hälfte des weltweiten Bruttosozialproduktes kontrolliert. Diese Konzerne bestimmen zwar den wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt, entziehen sich aber jeglicher sozialer staatlicher, parlamentarischer, gewerkschaftlicher Kontrolle. Es gilt nur ein einziges Prinzip: Die Profitmaximierung in möglichst kurzer Zeit und das häufig unter Missachtung der Menschenwürde. Sie besitzen eine politische, ideologische, wirtschaftliche Macht, wie sie kein Kaiser, kein Papst, kein König je gekannt hat. In seiner Funktion in der UNCTAD versuchte Jean Feyder unermüdlich, Abkommen gegen den Zerfall der Rohstoffpreise durchzusetzen – für viele Völker der südlichen Hemisphäre eine Frage des Überlebens. Er machte sich zum Anwalt von asymmetrischen Wirtschaftsabkommen zwischen den Industrieländern und Dritt-Welt-Staaten (die Bevorzugung ärmerer Länder im internationalen Waren- und Kapitalverkehr), weil er wusste, dass ein ungehemmter globalisierter Freihandel die Industrialisierung und wirtschaftliche Entwicklung im Süden unmöglich macht.

Jean Feyder ist ein informierter, kluger, unbeugsamer Feind der neoliberalen Wahnidee. Sein Buch zeugt von seiner analytischen Potenz und Überzeugungskraft. Ich selbst habe als UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und später als Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrates schwierige Momente erlebt. Die Diffamierungskampagnen, welche einzelne Staaten gegen nicht genehme UNO-Mandatsträger führen, sind heftig und zuweilen unerträglich. In diesen schwierigen Momenten habe ich vom diplomatischen Talent und dem freundschaftlichen Rat von Jean Feyder profitiert. Dafür bleibe ich ihm zutiefst dankbar.

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