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Die Linke hat ihr Ziel verloren

Das Hauptproblem der heutigen Linken ist, dass sie die Utopie, ihre ureigene Kraft, ablehnt und keinen Zugang mehr zu ihr hat, sagt der Publizist Artur Becker. Vor allem die westliche Linke betrachtet die Utopie oft als eine Art Krebsgeschwür oder Atavismus, wahrscheinlich, weil sie keine Erfahrungen mit dem Realsozialismus gemacht hat. Zum Parteitag der Linken an diesem Wochenende fordert er: Die Linken müssen sich neu aufstellen, müssen kämpfen, damit es in unseren globalisierten Gesellschaften ein Gleichgewicht der verschiedenen Kräfte und Denkweisen gibt. Und dürfen dabei ihre stärkste Waffe nicht vergessen, die sie progressiv einsetzen können: die Utopie.

Da die Linke ihre Anziehungskraft und ihren Zusammenhalt nicht mehr aus ihrem utopischen Denken zieht, sucht sie ihr Heil heute in der Realpolitik und damit im Populismus, der doch eigentlich der Treibstoff der Rechts- und Nationalkonservativen ist. Und so las ich mit großem Erstaunen Chantal Mouffes Plädoyer Für einen linken Populismus, ein in der Tat faszinierendes Buch, in dem aber eine sehr kühne These aufgestellt wird. Mouffe schreibt: »Die sozialdemokratischen Parteien, die in vielen Ländern bei der Implementierung einer neoliberalen Politik eine wichtige Rolle gespielt haben, sind außerstande, die Tragweite des populistischen Moments zu begreifen und sich den damit verbundenen Herausforderungen zu stellen. In ihren postpolitischen Dogmen gefangen und unwillig, ihre Fehler zuzugeben, können sie nicht erkennen, dass viele der von rechtspopulistischen Parteien artikulierten Forderungen demokratische Forderungen sind, die einer progressiven Antwort bedürfen.«

Didier Eribon, Slavoj Žižek, Francis Fukuyama, Chantal Mouffe, Bernd Stegemann wie auch Sahra Wagenknecht und im Kontext des rechten Populismus Jan-Werner Müller und Volker Weiß beleuchten schon seit vielen Jahren den Wandel der Prioritäten, der bei der Linken stattgefunden hat. Prinzipiell ist der Tenor bei allen gleich: Das Prekariat sei sich selbst überlassen worden und deshalb massiv zu den Rechten und Identitären abgewandert, während sich die Linken auf einen Kreuzzug gegen Rassismus, Sexismus, Xenophobie, Homophobie, Misogynie, Umweltzerstörung und Kapitalzentralisierung gemacht hätten. Dabei hätten sie sich oft belehrend und moralistisch über das Prekariat und ihre ehemalige Wählerschaft, die Arbeiter, gestellt, da sie auf ein kulturell und gesundheitlich erfülltes Leben besonderen Wert legten – ein stilles Arrangement mit der liberalen Finanzwelt und den Unternehmern sei daher vorprogrammiert. Die Sozialdemokraten hätten es vorgemacht, und die Grünen vervollkommneten diesen Weg der verschiedenen Arrangements mit der Wirtschaft.

Wenn man heute die Linke definieren will, fragt man sich oft zu Recht, ob das nicht ein etwas sinnloses Unterfangen sei. Die theoretischen und historischen Grundideen scheinen unserer heutigen Zeit nicht mehr viel zu sagen zu haben, weshalb sie sich in dieser veränderten Welt neu einrichten zu müssen glaubte – sei es im Populismus, sei es in identitätspolitischen Kämpfen. Seit den Publikationen des genialen wie umstrittenen Neomarxisten Georg Lukács ist nicht nur viel Zeit vergangen – seine Analyse der Verdinglichung des Menschen im Kapitalismus erschien ja 1923 … –, seine Erkenntnisse greifen auch heute nicht mehr, denn Marx und einer seiner talentiertesten Schüler konnten eines nicht vorhersehen: dass wir durch die technologische Entwicklung, durch das Internet, die Digitalisierung und die industrielle Umweltzerstörung eine Vielzahl globaler Probleme schaffen würden, die uns alle gleich machen – unabhängig davon, ob wir reich oder arm, gebildet oder ungebildet sind.

Diese Gleichheit hat aber – und das wird allzu oft übersehen – nichts damit zu tun, was Gleichheit bei Marx oder Lukács bedeutet. Heute sind wir vermeintlich gleich, was die Bedrohung unseres Lebens angeht: Wir sollen gemeinsam gegen die Klimaerwärmung kämpfen, da wir alle auf den Erhalt der Erde angewiesen sind. Dieses Gemeinsame ist heute meines Erachtens das genaue Gegenteil dessen, was Marx vorschwebte: Dies gemeinsame Schicksal nämlich kettet uns fest an die Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft, es rechtfertigt, dass Arme arm, Benachteiligte benachteiligt bleiben. Hier geschieht, was ich eingangs sagte: Die scheinbare Utopie vergisst ihren Grund, die Gerechtigkeit ›auf Erden‹. Diese scheinbare Utopie träumt von einer Welt der gesunden Natur, die den Klassenkampf – um mit Marx zu sprechen – einfach übergeht. Das also ist die fehlende Dialektik, die ich meine, sie ist es, die den Untergang der Linken bedeuten muss.

Ein weiteres grundlegendes Problem ist das Verhältnis der Linken zum Kapitalismus: Jedenfalls beschäftigt sich die heutige Linke weder mit dem Klassenkampf und -bewusstsein noch mit dem Problem der Verdinglichung im Kontext der Ausbeutung der Arbeiter und des Verkaufs der Ware – warum sollte sie das auch tun? Der Kapitalismus hat seine einstigen Sklaven, die billigen Arbeitskräfte, längst als ehrenvolle Konsumenten, als eine wunderbare Kaufkraft entdeckt, die man nicht ignorieren darf. Mehr noch, wir haben uns heute sogar überall daran gewöhnt, dass der Mensch in unserer Konsumgesellschaft selbst zum Produkt geworden ist, wie es Zygmunt Bauman und andere Soziologen gezeigt haben. Lukács noch schreibt in seinem revolutionären Werk Geschichte und Klassenkampf, mit dem er neben Gramsci den Neomarxismus entscheidend mitgeprägt hatte, über die Verdinglichung und Entzauberung des Menschen im kapitalistischen System und das bereits wenige Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs: »Der Mensch erscheint weder objektiv noch in seinem Verhalten zum Arbeitsprozeß als dessen eigentlicher Träger, sondern er wird als mechanisierter Teil in ein mechanisches System eingefügt, das er fertig und in völliger Unabhängigkeit von ihm funktionierend vorfindet, dessen Gesetzen er sich willenlos zu fügen hat.« Lukács spricht von »einem mechanischen System«, von dem der mechanisierte Mensch, der verdinglichte, ein bloßer Teil sei.

Artur Becker

Artur BeckerArtur Becker, geb. 1968 in Bartoszyce (Polen), lebt seit 1985 in Deutschland, zurzeit als Artist in Residence im Hotel Lindley in Frankfurt am Main. Er ist Lyriker, Essayist, Romancier, Publizist und Übersetzer und debütierte 1984 mit Gedichten in der Gazeta Olszty?ska. Seit 1989 schreibt er auf Deutsch. 1997 erschien sein erster Roman "Der Dadaj see", 1998 sein erster Gedichtband "Der Gesang aus dem Zauberbottich". Mittlerweile hat er mehr als 20 Bücher veröffentlicht, u. a. die Romane "Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken" (2008), "Der Lippenstift meiner Mutter" (2010) und "Drang nach Osten" (2019). Er schreibt für die Frankfurter Rundschau, die Neue Zürcher Zeitung und Rzeczpospolita. Becker wurde mit dem Chamisso-Preis (2009) sowie dem Dialog-Preis (2012) ausgezeichnet und hielt 2020 die Dresdner Chamisso-Poetikdozentur.

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