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Die Herrschaft der extremen Mitte

Extremistische Regime der Mitte stehen für globale Erwärmung und massives Artensterben, sie vergrößern die Kluft zwischen den sehr Armen und den sehr Reichen und propagieren ihr Verhältnis zur Welt als das einzig maßgebliche unter den verschiedenen Kulturen und Glaubenssystemen. Paradigmatisch hierfür stehen die Förderung der Gewinnmaximierung, Steueroasen im Ausland, Umwandlung ökologischer Standards, politische Lippenbekenntnisse, Rückbau des Sozialstaats, Minimierung der Rechte zum Schutz der Arbeitnehmer. Alain Deneault stellt sich gegen diese Politiken der extremen Mitte und zeigt Alternativen – gegen das Erstarken von Extremen, gegen eine sinn- und ideenlose Technokratie, die die Welt geradewegs in den Abgrund führt, und für die Nutzung des eigenen Verstandes!

Räumt die komplizierten Werke weg, Bilanzbücher tun’s auch. Seid nicht stolz, nicht witzig, nicht einmal locker, denn ihr könntet arrogant wirken. Zügelt eure Leidenschaften, sie machen bloß Angst. Habt vor allem keine »gute Idee«, der Reißwolf ist voll davon. Diesen stechenden, rastlosen Blick, sänftigt ihn und entspannt eure Lippen – das Denken muss weich sein, und ihr müsst es zeigen. Man muss so von seinem Ich sprechen, dass es fast vollständig zusammenschrumpft: Man muss euch einordnen können. Die Zeiten haben sich geändert. Es hat keinerlei Sturm auf die Bastille gegeben, der Reichstag nicht gebrannt und die Aurora noch kein einziges Mal gefeuert. Dennoch, einen Angriff hat es sehr wohl gegeben, und der war von Erfolg gekrönt: Die Mittelmäßigen haben die Macht übernommen.

Was kann ein Mittelmäßiger am besten? Einen anderen Mittelmäßigen erkennen. Sie tun sich zusammen, kraulen sich gegenseitig das Fell und danken es mit einer Gegenleistung, um einem wachsenden Klan den Rücken zu stärken, denn schon bald werden sie andere Mittelmäßige anziehen. Wichtig dabei ist nicht so sehr, Dummheit zu vermeiden, als sie mit Bildern der Macht zu schmücken. »Wenn die Dummheit nicht dem Fortschritt, dem Talent, der Hoffnung oder der Verbesserung zum Verwechseln ähnlich sähe«, schrieb Robert Musil, »würde niemand dumm sein wollen«. Es gilt, seine Unzulänglichkeiten dadurch zu verbergen, dass man sich normal gibt, sein Handeln pragmatisch zu nennen, doch niemals müde zu werden, alles zu perfektionieren, denn die Mediokratie duldet weder die Unfähigen noch die Inkompetenten. Man muss imstande sein, die Software zu bedienen, ohne Murren das Formular auszufüllen, ganz natürlich eine Formulierung wie »hohe Qualitätsstandards in Unternehmungsführung unter Beachtung der Grundsatzwerte« zu verwenden und im richtigen Augenblick den richtigen Personen »Guten Tag« zu sagen. Jedoch vor allem: mehr nicht.

Das Substantiv »Mittelmäßigkeit« (Mediokrität) benennt, was Mittelmaß, Durchschnitt ist, so wie sich »Überlegenheit« und »Unterlegenheit« auf das beziehen, was darüber oder darunter liegt. »Mittelheit« hingegen gibt es nicht. Doch Mittelmaß bezeichnet eher das aktive Mittel als den abstrakten Durchschnitt. Folglich ist die Mediokratie dieses zur Herrschaft gelangte Mittelstadium. Sie begründet eine Ordnung, in der der Durchschnitt keine abstrakte Größe mehr ist, durch die eine konkrete Sachlage mathematisch zusammengefasst werden kann, sondern eine zwingende Norm, die es zu verinnerlichen gilt. Sich innerhalb eines solchen Regimes als frei zu bezeichnen, ist dann nur eine Form, seine Wirksamkeit zu unterstreichen.

Die Teilung und die Industrialisierung der – manuellen wie intellektuellen – Arbeit haben großen Anteil an der Übernahme der mittelmäßigen Macht. Die Perfektionierung jedes einzelnen Arbeitsschritts zugunsten eines Ganzen, das niemand zu fassen bekommt, hat dazu beigetragen, aus Dummköpfen »Experten« zu machen, die just in time über Teilgebiete der Wahrheit schwadronieren, und den Arbeiter auf den Status eines bloß Ausführenden zu reduzieren, dessen »Lebenstätigkeit für ihn also nur Mittel ist, um existieren zu können.« Karl Marx hatte 1849 festgestellt, dass das Kapital den Arbeitern das Gefühl für ihre eigene Arbeit nimmt, indem es sie zunächst auf eine Kraft, dann auf eine abstrakte Maßeinheit und schließlich auf ihre Kosten reduziert hat (der Lohn als Äquivalent dessen, was es braucht, damit der Arbeiter wieder zu Kräften kommt). Berufe gehen zunehmend verloren. Man kann Gerichte am Fließband zusammenstellen und zugleich außerstande sein, bei sich zu Hause etwas zu kochen; man kann Klienten am Telefon Anweisungen erteilen, die man selbst überhaupt nicht versteht; man kann Bücher und Zeitungen verkaufen, die man selbst nie liest … Der Stolz, gute Arbeit geleistet zu haben, verschwindet zwangsläufig. In den Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie von 1857/58 präzisiert Marx, dass »die Gleichgültigkeit gegen die bestimmte Arbeit einer Gesellschaftsform entspricht, worin die Individuen mit Leichtigkeit aus einer Arbeit in die andre übergehn und die bestimmte Art der Arbeit ihnen zufällig, daher gleichgültig ist. Die Arbeit ist hier nicht nur in der Kategorie, sondern in der Wirklichkeit als Mittel zum Schaffen des Reichtums überhaupt geworden«.

Dieses »Mittel«, das sich das Kapital für sein Wachstum gegeben hat, ist jene leblose Arbeit, die auch in den Augen des Arbeiters als das »einzige Mittel zum Lebensunterhalt« existiert. Unternehmer und Arbeiter sind sich zumindest in diesem Punkt einig: Aus dem Beruf ist eine Beschäftigung geworden, die einhellig als »Mittel« angesehen wird. Es handelt sich hier weder um ein Wortspiel noch um einen einfachen lexikalischen Zufall, wenn die Arbeit ausgerechnet in dem Moment zu einem bloßen »Mittel« avanciert, als sie die Gestalt eines strikt »mittleren«, eines durchschnittlichen Beitrags erhält. Die Übereinstimmung einer Tätigkeit mit ihrem mittleren Maß schlägt, wenn aufgezwungen und verallgemeinert, eine ganze Gesellschaft mit Trivialität. Etymologisch verweist das Mittel auf die Mitte und das Milieu im Sinne eines sozialen Gefüges, hier insbesondere das Arbeitsmilieu als Ort des Kompromisses, des faulen Kompromisses sogar, wo im Grunde keine Arbeit stattfindet. Das erweist sich insofern als heimtückisch, als der Mittelmäßige nicht untätig herumsitzt, sondern hart zu arbeiten versteht. Es bedarf sehr wohl der Anstrengung, eine groß angelegte Fernsehsendung zu produzieren, einen Antrag auf Drittmittel für Forschungen bei Förderinstitutionen zu erarbeiten, kleine aerodynamisch aussehende Joghurtbecher zu entwerfen oder den ritualisierten Ablauf eines Ministertreffens mit einer Delegation von Amtskollegen zu organisieren. Nicht jeder hat die Mittel dazu. Die perfekte Beherrschung der Abläufe ist sogar notwendig, um die unbeschreibliche geistige Faulheit zu kaschieren, die in so vielen konformistischen Glaubensbekenntnissen am Werk ist. Und der mühevolle Einsatz für eine Arbeit, die niemals die eigene, für ein Denken, das immer schon vorgegeben ist, führt schließlich dazu, dass man deren Mickrigkeit aus den Augen verliert.

Alan Deneault

Alan DeneaultAlain Deneault, geboren 1970 in Kanada, ist ein französisch-kanadischer Schriftsteller und Philosoph und promovierte 2004 an der Universität Paris VIII. Derzeit ist er Programmdirektor am Collége international de philosophie in Paris und Professor für Soziologie an der Université du Québec in Montréal.

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