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Die Grüne Woche 2018 – Wir haben es satt!

Zum achten Mal haben tausende Bauern und Verbraucher in Berlin für eine andere Landwirtschaftspolitik, einen anderen Umgang mit unseren Äckern und Weiden, den Tieren und den Pflanzen demonstriert. Aber die Agrarwende ist noch immer nicht in Sicht. Die „Grüne Woche“ in Berlin, die größte Agrarmesse der Welt, die nun schon traditionell von der Demonstration unter dem Titel „Wir haben es satt“ begleitet wird, ist noch immer eine Leistungsschau der Industrielandwirtschaft, bei der – ganz wie auf bundesdeutschen Äckern und Wiesen – umweltschonende bäuerliche Landwirtschaft und artgerechte Tierhaltung ein Nischendasein fristet.

Der amtierende Bundeslandwirtschaftsminister hat vor einem Jahr zur Grünen Woche mit großem Tamtam ein neues Tierwohl-Label vorgestellt – nach dem fast nichts folgte. Die GroKo-Sondierer haben sich in ihr Abschlussdokument ein paar dürftige Worte zur Tierhaltung und dem Umgang mit Ackergiften geschrieben. Da steht immerhin: „Das Töten von Eintagsküken werden wir beenden“. Eine Absichtserklärung, die schon lange in der Welt und noch lange nicht umgesetzt ist. Noch immer werden rund 45 Millionen Küken in Deutschland direkt nach dem Schlüpfen getötet. Es sind die Brüder der auf Eierproduktion hochgezüchteten Legehennen. Diese Hähnchen wachsen nicht schnell genug, um sie – wie die auf Gewichtszunahme gezüchteten Masthähnchen – in vier bis sechs Wochen zum „Schlachtgewicht“ hochzufüttern. Laut Tierschutzgesetz ist es verboten, Tiere „ohne vernünftigen Grund“ zu töten. Wenn die Aufzucht eines Tieres für „unwirtschaftlich“ erklärt wird – wie bei den Bruderhähnen – dann gilt das in Deutschland als vernünftig. Dass man die Tiere zuvor so hingezüchtet hat, dass die Männchen der Industrielandwirtschaft nichts mehr wert sind, wird dabei ausgeblendet. Auch die Bullenkälber der auf Milchleistung getrimmten Rinderrassen sind eigentlich nichts mehr wert. Sie werden immerhin noch aufgezogen, oft allerdings von spezialisierten Kälbermästern unter erbärmlichen Bedingungen.

Von artgerechter Tierhaltung sind wir meilenweit entfernt. Und – ganz gegen den Trend und die Stimmung bei den Verbrauchern – wir entfernen uns von ihr immer mehr. Während die Forderung nach artgerechter Tierhaltung immer lauter wird, verschwinden immer mehr Tiere in Großställen. Und der Betrug an den Verbrauchern geht immer weiter. Wir sehen keine Rinder mehr auf den Wiesen, keine Schweine mit Auslauf, keine Hühner beim Scharren – dafür aber immer mehr Gütesiegel im Supermarkt. Inzwischen auch das Tierwohl-Label der Lebensmitteldiscounter. Da wird das Fleisch ein paar Cent teurer, damit die Tiere ein besseres Leben haben. Was bedeutet das konkret? Dass ein Mastschwein ab 50 Kilo Gewicht, dem laut Verordnung 0,75 Quadratmeter Stallfläche zusteht, dank Tierwohl-Label mehr Platz bekommt: ungefähr in der Größe eines Aktendeckels. Das ist dann immer noch weniger als einem „Bioschwein“ zusteht, das zusätzlich noch einen Quadratmeter Auslauf haben muss. Wobei auch bei der EU-Bioverordnung nicht vorgeschrieben ist, wie dieser Auslauf aussehen muss. Der kann einen Betonboden haben. Dass eine artgerechte Haltung Schweinen das Wühlen im Boden ermöglichen muss, dieses Wissen ist auf dem Weg in die Industrielandwirtschaft verloren gegangen. Wahrscheinlich galt auch das irgendwann als „unwirtschaftlich“.

So lange sich die Kriterien unserer Beurteilung von Tieren und Tierwohl nicht radikal ändern, wird es die viel beschworene „Agrarwende“ nicht geben. Einige Verbraucher haben damit begonnen, den Landwirten beim Umdenken zu helfen. Aber – auch wenn die Demo in Berlin jedes Jahr beeindruckend ist – es sind viel zu wenige Verbraucher, die am Kühlregal immer noch sagen: „Wir haben Industrielandwirtschaft satt!“

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Florian Schwinn

Florian SchwinnFlorian Schwinn (Jahrgang 1954) ist Journalist im Bereich Politik und Wissenschaft. Er hat für Print und Hörfunk gearbeitet, Radiofeature produziert und moderiert beim Hessischen Rundfunk die mehrfach ausgezeichnete Radiosendung »Der Tag«. Seit vielen Jahren bearbeitet er Umweltthemen und kümmert sich um die Ausbeutung und den Schutz der natürlichen Ressourcen und unser zwiespältiges Verhältnis zu den »anderen« Tieren.

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