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Die Goethe-Verschwörung

Das „Fragment über die Natur“ gilt als der herausragende Schlüsseltext für das Denken Goethes über die Natur. Es steht am Anfang seiner lebenslangen Erforschung von Steinen und Pflanzen, Tieren und Menschen, Licht und Farben und legt den Grundstein für die Methode der „zarten Empirie“, mit der er sich als Wissenschaftler seinen Gegenständen nähert. Mathias Bröckers zeigt, dass Goethes Erkenntnisse über die Natur ihrer Zeit voraus waren und heute für die Zukunft relevanter sind als je zuvor.

„Warum jetzt Goethe ?“, wurde ich zu meinem neuen Buch schon öfters gefragt, und meine erste Antwort darauf ist: Ich hab in den letzten fünfundzwanzig Jahren immer nur in den Kloaken der Politik herumgebuddelt und mich an politischen Morden, verdeckten Operationen, Verschwörungen, und Fake-News abgearbeitet – jetzt wollte ich mich endlich mal dem Wahren, Guten, Schönen widmen. Als ich vor einem Jahr die Absicht kundtat, einen längeren Essay zu Goethes Fragment über die Natur zu schreiben, meinte mein Sohn: „Nenn das Buch einfach Die Goethe-Verschwörung, da gehen gleich 20.000 weg. Verschwörungsmäßig bist du doch ne Top-Marke, da nehmen die Fans sogar einen alten Hut wie Goethe in Kauf.“ Verkaufstechnisch hat der Junior da vielleicht sogar Recht, aber es ging mir um genau diesen „alten Hut“ und darum zu zeigen, dass der mit seinen Ansichten und seiner Haltung zur Natur und zur Wissenschaft nach zweihundert Jahren wieder zeitgemäß ist. Und dass seine Forschungen und Erkenntnisse absolut edgy und trendy sind, wenn es darum geht, eine neue Wissenschaft vom Leben zu definieren.

Und was soll „Newtons Gespenst“? Als Newton sein berühmtes optisches Experiment durchführte, bei dem er durch ein Loch im Fensterladen weißes Licht durch ein Prisma fallen ließ und an der Wand gegenüber dann Farben sah, benannte er diese Erscheinung „spectre“, dem englischen Wort für „Gespenst, Phantom, Erscheinung“. Seine heutige Bedeutung als Spektrum von Farben oder in Begriffen wie „Spektralanalyse“ erhielt das damalige „Gespenst“ erst durch Newtons Entdeckung und seine Theorie, dass sämtliche Farben im Licht enthalten sind. Als Goethe nun 1790, mehr als achtzig Jahre nach dem Erscheinen von Newtons Opticks, durch ein Prisma an eine weiße Wand schaut, die weiß bleibt und nur an den Rändern, wo Schatten ins Spiel kommen, Farben erscheinen, kommt ihm schlagartig der Gedanke, dass die ganze Newton’sche Theorie falsch sein muss. Die dunklen Farben stecken nicht allein im weißen Licht, sondern entstehen erst aus der Polarität von Licht und Schatten – um diese Wahrheit zu beweisen, forschte Goethe dann vier Jahrzehnte lang und publizierte über tausend Seiten seiner „Farbenlehre“.

Von seinen Zeitgenossen und der Nachwelt oft als amateurhafte Spinnerei eines ansonsten genialen Kopfs abgetan, steht es im Farbenstreit Goethe vs. Newton mittlerweile aber mindestens unentschieden – beide hatten ebenso Recht wie Unrecht. Womit wir bei „Goethes Polaroid“ wären. Als der Harvard-Physiker Dr. Edwin Land, der die Sofortbildkamera erfunden hatte, bei seinen Versuchen mit Farbbildern nämlich mit Newtons Theorie nicht weiterkam, forschte er mit Goethes Methoden weiter – und entwickelte nicht nur die Polaroid-Farbfotografie, sondern auch eine neue Theorie des Farbsehens.

Es war keine Verschwörung, es war schlichte Ignoranz, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse Goethes fast zweihundert Jahre lang als amateurhafter Unsinn angesehen wurden. Und das gilt nicht nur für das Licht, das Sehen und die Farben, sondern auch für die vielen anderen Bereiche der Natur, mit denen er sich beschäftigte und intuitiv forschend vieles vorwegnahm, was die „harte“ Wissenschaft erst zweihundert Jahre später entdeckte. Dass dies alles schon in dem kleinen aphoristischen Fragment über die Natur enthalten ist – und nicht nur in der Vergangenheit viele Menschen inspirierte, sondern für eine enkeltaugliche Zukunft auf diesem Planeten von größter Bedeutung ist – darum geht es in Newtons Gespenst und Goethes Polaroid.

Mathias Bröckers

Mathias BröckersMathias Bröckers ist freier Journalist, der unter anderem für die taz und Telepolis schreibt. Neben Artikeln, Radiosendungen und Beiträgen für Anthologien veröffentlichte er zahlreiche Bücher. Seine Werke „Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf“ (1993) und „Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9.“ (2002) und zuletzt „Wir sind die Guten – Ansichten eines Putinverstehers“ (2014) wurden internationale Bestseller.

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