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Die Einfahrten in den Traumtunnel

In seinem neuen Thriller „Traumtunnel“ widmet sich Harald Lüders den Möglichkeiten und den Gefahren der virtuellen Realität. Die dpa schreibt, „es ist durchaus nicht immer gleich klar, ob einzelne Passagen real oder Produkte virtueller Realität sind. Spannend und überraschend.“ Ein hochaktueller Thriller, der sich auch mit dem Thema Datenmissbrauch befasst. Harald Lüders schreibt, was ihn zu der Geschichte inspiriert hat.

Jeder Tunnel hat einen Anfang und ein Ende – der „Traumtunnel“ aber hat gleich drei Einfahrten.

In der Nacht vom 8.auf den 9. November 2016 öffnete sich für mich die erste der Einfahrten. Wie Millionen anderer schlug ich mir die Nacht um die Ohren, um dabei zu sein, wie in den USA der 45. Präsident gewählt wurde. Am Ende hatten fast 66 Millionen Wählerinnen und Wähler für Hillary Clinton und nur knapp 63 Millionen für ihren Konkurrenten gestimmt. Donald Trump aber hatte 75 Wahlmännerstimmen mehr. Die Folgen sind bekannt, ein rassistisch und frauenfeindlich hetzender Lautsprecher wird Nachfolger von Barack Obama. Seine Mehrheit im Wahlmännergremium verdankt er häufig einer hauchdünnen Mehrheit in genau ausgesuchten Wahlbezirken. „The Winner takes it all“ – so wählt Amerika.

In den Tagen nach der Wahl erfuhr die staunende Öffentlichkeit von den Geschäften der Firma Cambridge Analytica, die mit Hilfe illegal erworbener Facebook-Datensätze für Trump maßgeschneiderte, personalisierte Werbung in genau diesen Bezirken einsetzte. Kenne ich von einer Person 100 Facebook-Likes, dann weiß ich so viel über diese Person, wie ihre besten Freunde. So konnte personalisierter Social-Media-Werbung der entscheidende Twist gegeben werden. Das Trump-Team wusste zum Beispiel nicht nur, dass ein bestimmter Wähler Waffenbesitzer ist, er wusste auch, ob der Anzusprechende eher ein ängstlicher Typ oder ein Draufgänger ist. Für Wahlkämpfer unschätzbar wertvolle Informationen.

Wir sind nicht allein, nachts vor unserem Computer, wenn wir hier ein Like setzen, da eine dubiose Seite aufrufen. Die Daten von Millionen amerikanischer Facebook-Nutzer landeten letztlich bei Stephen Bannon, der lange Zeit eine wichtige Rolle bei Cambridge Analytica spielte. Mit solchen Daten kann man aber nicht nur amerikanische Wahlkämpfe gewinnen, sondern auch Macht über Personen. Eine perfekte Vorlage für einen Krimi.

Die nächste Einfahrt führt direkt in das Herzstück des „Traumtunnels“. Hier geht es um Fragen nach unserem Bewusstsein, nach Kognition, nach Selbstwahrnehmung. Welchen Einfluss wird die immer mehr in unseren Alltag einziehende Technik der virtuellen Realität haben? Virtuelle Realität stellt unser Gehirn vor unlösbare Aufgaben. In einem VR-Kino in Los Angeles liegt ein dickes Drahtseil auf dem Boden, den Besuchern werden Sequenzen aus dem berühmten Film „The Walk“ auf ihre VR-Brillen gespielt. In „The Walk“ balanciert ein Mann ohne Sicherung zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers. Jeder der Kinobesucher weiß, dass in seinem Falle das Seil auf dem Boden liegt, jeder weiß: „Ich sehe einen Film.“ Und doch reagieren alle Besucher mit Schwindelattacken, Schweißausbrüchen und anderen heftigen Stresssymptomen. In der virtuellen Realität wird mit Avataren gearbeitet, unseren Repräsentanten im virtuellen Raum. Es gibt ausgefeilte Techniken, mit deren Hilfe Probanden beigebracht wird, den Avatar als echten Teil ihres Ichs zu sehen und zu akzeptieren.

Und genau hier sind wir mitten im Krimi, wir sind bei den Möglichkeiten der VR- Technik. Wenn ich unter der VR-Brille einen Avatar als Teil meiner selbst akzeptiere, dann fühle ich mich auch für die Taten dieses Avatars verantwortlich. „Traumtunnel“ fragt: Ist es möglich, mit Hilfe der VR Menschen eine Erinnerung an eine Tat zu implantieren, die sie nie begangen haben, für die sie sich aber schuldig fühlen? Die Antwort darauf ist ein klares und eindeutiges Ja.

Wenn man dann noch weiß, dass ein Großteil der Gelder, die in die Erforschung und Weiterentwicklung der VR investiert werden, von Spieleentwicklern bzw. von der Pornoindustrie kommen, dann sieht man, wohin die Reise geht.

Und dann ist da schließlich noch eine ganz persönliche Einfahrt, sie liefert die Location des Krimis. Es gibt in Südtirol eine verrückte Hotelruine auf fast 2000 Metern Höhe, in die ich mich während eines Urlaubs verliebt habe und zu der ich häufiger zurückgekehrt bin – immer mit dem Gedanken im Kopf, diesen Ort in einer Geschichte wieder zum Leben zu erwecken.

Wer Südtirol durch die Hintertür betritt, die Route über den Reschen wählt, dann der Staatsstraße Richtung Meran folgt, der sollte in der Nähe des kleinen Ortes Goldrain nach den Wegweisern zum Martelltal Ausschau halten. Eine wunderschöne, kurvenreiche Straße schraubt sich steil nach oben. In fast 2000 Metern Höhe endet die Straße, es geht zu Fuß weiter, den Blick auf den strahlenden Gipfel des Monte Cevedale gerichtet.

Plötzlich liegt rechter Hand, auf einem kleinem Plateau, eine imposante Ruine, die karminrot gestrichenen Überreste des ehemaligen Sporthotels Paradies, das Anfang der dreißiger Jahre dort von Gio Ponti, einem bekannten italienischen Architekten und Designer, erbaut wurde. Der modernistische und für die Umgebung ungewöhnliche Bau war eine steingewordene Machtdemonstration des faschistischen Italiens. In den sieben Jahrzehnten seit dem Ende des Krieges steht diese Hotelruine leer, ein versponnener Platz mit einer Ausstrahlung, die zum Träumen einlädt.

Aber man spürt auch die dunklen, geheimnisvollen Seiten des Ortes. Eine perfekte Location für einen Krimi. Aus der Ruine des Sporthotels wird das Paradise Mountain Resort. Ein herrliches Fünf- Sterne-Sanatorium, in dem die Reichen und Schönen dieser Welt ihre Psycholeiden kurieren. Der Leiter des Sanatoriums aber hat mit einigen seiner Gäste ganz eigene Pläne. Es beginnt ein Spiel mit Traum und Wirklichkeit. Was sind echte Erinnerungen, was sind Einflüsterungen? Bin ich wirklich der, der ich glaube zu sein?

„Traumtunnel“ zeigt, wie leicht aus illegal erworbenen Daten Persönlichkeitsprofile entstehen, mit deren Hilfe Menschen erpressbar werden.

„Traumtunnel“ zeigt die machtvollen Missbrauchsmöglichkeiten, die in der Technik der virtuellen Realität schlummern.

„Traumtunnel“ ist der zweite Fall von Mitch Berger, der diesmal auf sehr dünnem Eis unterwegs ist.

Harald Lüders

Harald LüdersHarald Lüders hat über dreißig Jahre als Autor, Reporter und Redakteur für das öffentlich rechtliche Fernsehen gearbeitet, unter anderem für Sendungen wie "titel thesen temperamente" und "FRONTAL". Zuletzt war er für das ZDF als Redaktionsleiter Reportage tätig. Er hat sich journalistisch immer wieder mit Geheimdiensten und Rechtsradikalismus befasst. Er wurde unter anderem mit dem Adolf Grimme Preis ausgezeichnet. Harald Lüders ist verheiratet und lebt in Frankfurt am Main

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