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Die Drohnen-Dystopie

Als „die mörderischste Terror-Kampagne der Gegenwart“ bezeichnet Noam Chomsky den Drohnenkrieg der USA in Afghanistan, Irak, Pakistan und vielen anderen Kriegs- und Krisenregionen. Trotzdem wird hierzulande kaum über das schreckliche Leid der Menschen in diesen Ländern berichtet. Wie gelingt es den Verantwortlichen, das wahre Ausmaß dieser Katastrophe so herunterzuspielen? Welche Interessen stehen hinter diesen Angriffen und welche Entwicklungen sind in Zukunft noch zu befürchten? Ein Kommentar von Emran Feroz, Journalist und Autor des Buches „Tod per Knopfdruck“.

Am vergangenen Freitag schlugen mehrere Hellfire-Raketen im Dorf Dew Gul in der ostafghanischen Provinz Kunar ein. Sie wurden von US-amerikanischen Predator- oder Reaper-Drohnen abgefeuert und töteten mindestens vierzehn Zivilisten. Die Bilder aus dem Dorf machten in Sozialen Netzwerken die Runde und veranschaulichten abermals den Alltag der Menschen, die unter den Drohnenangriffen leben. Es sind Szenen, die die Bergungen von Leichen, darunter auch Frauen und Kinder, und Beerdigungen zeigen.

Doch wie gewohnt, wurde auch dieser Angriff medial kaum wahrgenommen. Vor allem westliche Medien – große Medienhäuser und namhafte Tageszeitungen – haben es sich zur Angewohnheit gemacht, über den US-Drohnenkrieg so wenig wie nur möglich zu berichten. Im allerbesten Fall ergibt sich womöglich eine Randmeldung, in der beschrieben wird, wie abermals „mutmaßliche Militante“ oder „Terrorverdächtige“ im afghanischen oder jemenitischen Nirgendwo erfolgreich von den Verteidigern der „freien Welt“, sprich, vom US-Militär oder von der CIA, eliminiert wurden.

In vielen Fällen ist dies allerdings mitnichten der Fall. Lediglich vier Prozent der bekannten Drohnenopfer aus Pakistan hatten einen Al-Qaida-Hintergrund. Mehrere Extremistenführer in der Region, darunter etwa Al-Qaida-Chef Aiman al-Zawahiri oder der Talibanführer Jalaluddin Haqqani, wurden in den letzten Jahren nach Drohnenangriffen der CIA immer wieder für tot erklärt – bis sie lebendig wieder auftauchten. Die beiden genannten Personen leben bis heute noch, doch wer an deren Stelle getötet wurde, ist nicht bekannt.

Die beschriebene Realität lässt die Narrative der präzisen Drohne, die laut westlichen Politikern und Militärs immer und ausschließlich „Terroristen“ tötet, zerfallen. Oder besser ausgedrückt: Eigentlich sollte sie es. Dennoch boomt der Krieg mit den unbemannten Fluggeräten. Der Drohnenkrieg der USA umfasst mittlerweile mindestens sieben Staaten: Afghanistan, Pakistan, Jemen, Somalia, Irak, Syrien und Libyen. Im Jahr 2001 besaßen das Pentagon und die CIA – die gegenwärtigen Hauptakteure des Drohnenkrieges – einige Dutzend bewaffnete Drohnen. Mittlerweile sind es Tausende von Predator- und Reaper-Drohnen, die in den betroffenen Ländern Angst und Schrecken verbreiten. Die Transformierung des Krieges hat auch weitreichende Folgen für das Militärpersonal. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt werden mehr Piloten für Drohnen ausgebildet als für bemannte Kampfflugzeuge. Sie alle werden das Schlachtfeld nie betreten. Die Berge Afghanistans oder die Wüsten Jemens werden für die Drohnenpiloten stets ein weit entfernter Ort bleiben. Wie andere Menschen arbeiten sie in Schicht. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass sie per Knopfdruck morden, bevor sie ihr Feierabendbier genießen und den Rest des Tages mit ihren Familien verbringen.

Die Piloten der Drohnen sind allerdings nur ein kleiner Teil des gesamten Tötungskomplexes, der bis ins Weiße Haus reicht. Bereits George W. Bush pries die unbemannten Todesmaschinen und segnete zahlreiche Drohnenangriffe – laut gegenwärtigen Kenntnisstand mindestens 57 in Pakistan, Jemen und Somalia – höchstpersönlich ab. Sein Nachfolger, der Friedensnobelpreisträger Barack Obama, sah im Schattenkrieg mit den Drohnen jenes Werkzeug, mit dem er die amerikanische Öffentlichkeit befriedigen konnte. Ein Präsident, der in irgendwelchen Hinterzimmern per Signatur mordet, ist den Amerikanern immer noch lieber als einer, der regelmäßig die Särge getöteter Soldaten empfangen muss. Aus diesem Grund konnte der charismatische Obama, der gegenüber seinen Beratern selbst meinte, „gut im Töten“ zu sein, den Drohnenkrieg problemlos ausweiten, indem er die Zahl der Angriffe verzehnfachte – und dabei jeglichem Aufschrei entgehen.

Es war auch Obama, der seinem Nachfolger Donald Trump die sogenannte „Kill List“, auf der die Namen jener Menschen landen, die per Knopfdruck ausgelöscht werden sollen, praktisch auf einem Silbertablett servierte. Die Todesliste, die in jeglicher Hinsicht gegen alle rechtsstaatlichen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte verstößt, ist vor allem eine Kreation der Obama-Administration.

Was die Liste in den Händen eines Donald Trumps bedeutet, wurde bereits in den ersten Monaten nach Beginn seiner Amtszeit deutlich. Der neue US-Präsident hat nämlich allein in diesem Zeitraum fünf Mal mehr Drohnenangriffe genehmigt als sein Vorgänger. In den ersten sechs Trump-Monaten fanden in Afghanistan mindestens 2.000 Luftangriffe statt. Die Anzahl ziviler Opfer schnellte nach oben. Im Monat September erreichten die Angriffe des US-Militärs am Hindukusch einen Umfang, wie es ihn seit sieben Jahren nicht mehr gegeben hatte. Hinzu kommt, dass Trump der CIA weitere Befugnisse erteilen möchte, damit diese in Afghanistan noch eigenständiger handeln kann. Ähnlich verhält es sich auch in allen anderen Staaten, in denen die USA sich offiziell und inoffiziell im Krieg befinden.

Bewaffnete Drohnen spielen bei all diesen Entwicklungen eine wichtige Rolle. Dennoch schreitet ihre Verbreitung rege voran. Nachdem die USA den Stein ins Rollen brachten und als allererster Staat der Welt mit Drohnen in Kriege zogen, tun dies mittlerweile auch zahlreiche weitere Länder, darunter etwa Israel, Iran, Russland, China, Großbritannien oder die Türkei. Imitiert wird nicht nur die Art der Kriegsführung, sondern auch die Rhetorik, die das Töten per Knopfdruck rechtfertigen soll. Während die USA etwa vorgeben, „Terroristen“ von Al-Qaida, Taliban oder IS zu töten, meint die Türkei, selbiges mit den „Terroristen“ der PKK zu machen.

Der Höhepunkt des Drohnen-Zeitalters wurde allerdings noch nicht erreicht. Im vergangenen August sprach sich Tesla-Chef Elon Musk gemeinsam mit 116 weiteren Technologie-Köpfen aus 26 Staaten gegen die automatisierte Kriegsführung mit Robotern und künstlicher Intelligenz aus. Die Unterzeichner des Briefes appellierten an die UN, die Entwicklung von Killer-Robotern zu verbieten und damit ein neues Kriegszeitalter zu verhindern. Doch abgesehen davon, dass die Mächtigen dieser Welt sich selten für solche Appelle interessieren, kam er in diesem Fall auch zu spät. Das US-Militär testet bereits Roboter-Drohnen, die eigenständig töten sollen. Andere intelligente Waffensysteme wurden ebenfalls bereits entwickelt und getestet. Aus diesem Grund ist es alles andere als unwahrscheinlich, dass Menschen in Afghanistan, Irak oder Jemen sehr bald auch von Robotern, die ausschließlich zum Töten kreiert wurden, gejagt werden – im Namen von Demokratie und Freiheit.

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Emran Feroz

Emran FerozEmran Feroz arbeitet als freier Journalist mit Fokus auf Nahost und Zentralasien, unter anderem für Die ZEIT, taz. die tageszeitung, Al Jazeera und die New York Times. Er berichtet regelmäßig aus und über Afghanistan und den US-amerikanischen Drohnenkrieg. Feroz ist Initiator des "Drone Memorial" (www.dronememorial.com), einer virtuellen Gedenkstätte für zivile Drohnen-Opfer.

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