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Die Daten des Menschen sind unantastbar

Könnten wir uns in einem Digitalen Grundgesetz auf einen Satz verständigen, „Die Daten des Menschen sind unantastbar“, würden wir die digitale Welt aus den Angeln heben. Amazon, Google & Co. würden die für sie bisher kostenfreien Schürfrechte für ihren wichtigsten Rohstoff verlieren: unsere Daten. Denn darauf basiert die Macht, der Reichtum und die immer stärkere Überwachung der Tech-Giganten, die auch noch den letzten Winkel unseres privaten Lebens gewinnbringend kapitalisieren wollen. Höchste Zeit, unsere Beziehung zu Amazon gnadenlos zu überprüfen – oder wollen wir die Gestaltung unserer Zukunft tatsächlich in die Hände solcher Typen wie Jeff Bezos legen?

Ich bin in den letzten Wochen tatsächlich ein paar Mal gefragt worden, ob es für mich persönlich – von wegen »Schnauze, Alexa!« – denn nicht besonders ärgerlich sei, dass nun ausgerechnet Amazon und mein Spezialfreund Jeff Bezos zu den großen Corona-Krisengewinnern zählen. Ärgern ist dafür kein Ausdruck und ein eher schwacher Begriff. Was, bitte schön soll man von einem Menschen halten, der sein Unternehmen, das gerade seinen 25. Geburtstag gefeiert hat, ursprünglich mal Relentless nennen wollte: also erbarmungs- oder gnadenlos. Das sagt so einiges über Bezos und beschreibt im Kern die Unternehmensphilosophie von Amazon: Gnadenlos gegenüber dem Wettbewerb, gnadenlos zu den eigenen Mitarbeitern und letztlich auch erbarmungslos in Bezug auf uns Konsumenten, selbst wenn für Amazon laut Selbstaussage die Kundenzufriedenheit an erster Stelle steht – was ja außerdem viel besser klingt.

Warum es nicht ausreicht, sich bloß zu ärgern, können die folgenden Zahlen verdeutlichen: Eine kürzlich von Americans for Tax Fairness und dem Institute for Policy Studies vorgelegte Studie hat die Vermögenszuwächse von Amerikas Milliardären während des Corona-Lockdowns untersucht. Danach konnte sich Amerikas Geldelite von Mitte März bis Mitte Mai 2020 über einen Vermögenszuwachs von 434 Milliarden Dollar freuen. Alleine die Top Five machten ein Plus von 75,5 Milliarden Dollar und natürlich steht auch in diesem Ranking Jeff Bezos auf Platz eins (vor Bill Gates und Marc Zuckerberg) – mit einem Vermögenszuwachs von 35 Milliarden. Von Mitte März bis Anfang Juli verzeichnete das Unternehmen Amazon einen Wertzuwachs von 702 Milliarden Dollar. Und stimmen die Berechnungen von Comparisun, dann könnte Jeff Bezos schon 2026 der erste Billionär der Menschheitsgeschichte werden: 1 000 000 000 000 Dollar – so viel haben 2013 ungefähr alle Arbeitnehmer in Deutschland zusammen verdient. Ärgerlich? Nein, obszön! Denn während Bezos & Co. sich ihre Taschen mit für Normalsterbliche absurden Summen vollstopften, starben in den USA zur gleichen Zeit Zehntausende am Virus, mehr als 30 Millionen Amerikaner verloren ihren Job und den meisten von ihnen wird in den kommenden Wochen eine Räumungsklage wegen nicht bezahlter Mieten oder Kredite ins Haus flattern.

Anfang März veröffentlichte Bezos einen rührenden Brief an seine Amazonier. Darin schreibt er: »Wir erbringen Menschen auf der ganzen Welt einen wesentlichen Dienst, besonders denen, die am verwundbarsten sind, wie etwa Senioren. Menschen, die sich auf uns verlassen. Ich stehe nicht allein mit meiner Dankbarkeit für die Arbeit, die Sie leisten. Ich habe Hunderte Nachrichten von Kunden erhalten und in den sozialen Medien gelesen, in denen sie Ihnen allen danken.« Und weiter heißt es: »Es gibt kein Benutzerhandbuch dafür, wie man sich zu Krisenzeiten wie diesen fühlen soll, und ich weiß, dass es für Sie alle viel Stress bedeutet. Meine Liste an Sorgen ist – sicherlich wie Ihre auch – sehr lang: Von meinen eigenen Kindern und Eltern, Familie und Freunden reicht sie bis zu Ihrer Sicherheit, meinen Kollegen und Kolleginnen und zu denen, die sehr krank sind, und letztlich auch bis hin zu den wirtschaftlichen Folgen. Bitte kümmern Sie sich um sich selbst und Ihre Lieben. Ich weiß sicher, dass wir diese Zeit überstehen werden, gemeinsam.«

Bei diesen warmen Worten könnte einem ja glatt das Herz aufgehen. Nur leider sprechen Jeffs Taten dann doch eine deutlich andere Sprache. Während Bezos sein Vermögen von März bis Juli 2020 um über 70 Milliarden steigern konnte, gestand er seinen Mitarbeitern in den Logistikzentren einen Corona-Bonus von zwei Dollar pro Stunde zu, der aber auch Ende Mai schon wieder auslief. Kritische Mitarbeiterinnen wie Emily Cunningham oder Maren Costa, die schon häufiger Amazons mangelndes Engagement für den Klimaschutz kritisiert hatten und bessere Corona-Schutzmaßnahmen für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen forderten, wurden gefeuert, obwohl sich an 74 US-Logistikstandorten Mitarbeiter infiziert hatten. Wegen mangelnder Schutzmaßnahmen mussten per Gerichtsbeschluss die Amazon Logistikzentren in Frankreich für vier Wochen schließen und auch in Deutschland kam es an den Standorten in Winsen, Bad Hersfeld und Pforzheim zu zahlreichen Infektionen. Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, die seit Jahren mit Amazon einen bisher vergeblichen Kampf um Tarifverträge führt, kritisierte die mangelnden Hygienemaßnahmen in den Logistikzentren. Außerdem mussten die Betriebsräte mehrfach juristisch einschreiten, damit die dann auf wachsenden Druck eingeführten Schutzmaßnahmen nicht zur verschärften Überwachung der Beschäftigten führten. In Deutschland kontrolliert das Unternehmen seine Beschäftigten mithilfe sogenannter Inaktivitätsprotokolle. Überwachungstechnologien wie Gesichtserkennung zeichnen selbst ein- bis zweiminütige Unterhaltungen mit Kolleginnen und Kollegen oder längeres Verschwinden in den Toiletten auf. Zwei solcher Minuten-Verstöße reichen für eine Kündigung aus. Relentless! Ach ja, auch an den deutschen Amazon-Standorten gab es bis Ende Mai zwei Euro mehr die Stunde, aber nur für die, die sich nicht krank gemeldet haben. So sieht es aus, wenn Jeff Bezos seine lange Sorgenliste abarbeitet.

Für Amazon war Corona ein Geschenk. Während wir uns auf Kontaktsperren, Abstandregeln und Maskenpflicht einließen und die Beschneidung unserer Grundrechte akzeptierten, um uns vor einem bislang unbekannten Virus in der Außenwelt zu schützen, wurden wir in unseren Wohnungen und unserem Homeoffice zur idealen Angriffsfläche für das Amazon-Virus, das während des Lockdowns, und weil der stationäre Handel weltweit seine Läden dichtmachen musste, ungehindert Tausende neuer Kunden infizierte. Im ersten Quartal 2020 verzeichnete Amazon Einnahmen in Höhe von 75,5 Milliarden Dollar, 15,8 Milliarden Dollar mehr als im gleichen Quartal des Vorjahres. Die Umsätze stiegen in Nordamerika um 29 Prozent und international um 18 Prozent. Für Abo-Dienste wie Amazon Prime steigerten sich die Umsätze im gleichen Zeitraum um 28 Prozent. Im zweiten Quartal 2020 explodierte der Umsatz, verglichen mit dem Vorjahreswert, dann um 40 Prozent auf 88,9 Milliarden Dollar. Anhand dieser Zahlen muss man das Amazon-Virus also als äußerst aggressiv klassifizieren und kann von einer entsprechend hohen Zahl an Amazon-Neuinfizierten ausgehen. Das Problem: Auch gegen das Amazon-Virus gibt es bisher keinen Impfstoff und es sind noch nicht mal ansatzweise Schutzmaßnahmen in Sicht, die uns vor einer weiteren Amazonisierung unseres Lebens schützen könnten. Das heißt, es wird sich völlig ungehindert weiter ausbreiten und bei sehr vielen Menschen hartnäckig festsetzen, die nie wieder den Weg in den klassischen stationären Handel zurückfinden werden.

Johannes Bröckers

Johannes BröckersJohannes Bröckers, Jahrgang 1960, studierte Germanistik und Europäische Ethnologie in Marburg und arbeitete als Journalist, Texter und Creative Director in der Werbung. 2000 gründete er pleasant_net, das Büro für strategische Beeinflussung. Er lebt und arbeitet als Marketingberater, Autor und Dozent in Frankfurt am Main.

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