/Kommentare/Der Weihnachtshase

Der Weihnachtshase

„Hochverehrte Tiergenossen! Es gibt jetzt eine Alternative zum guten, alten Weihnachtsmann. Mich. Den Weihnachtshasen. Mich!“, sagte der Hase und erklärte ausführlich, womit in Zukunft zu rechnen ist. Für den vielfach ausgezeichneten Illustrator, Autor und Geschichtenerzähler Martin Baltscheit ist auch „Der Weihnachtshase“ kein Bilderbuch allein für Kinder. Mit seinen im wahrsten Sinne fabelhaften Geschichten spricht er Leser und Leserinnen jeden Alters an. Spannend, unterhaltsam und durchaus politisch erzählt er mit seinen Parabeln keine Märchen, sondern möchte einen Beitrag leisten für Verständigung und Aufklärung. „Eltern Family“ schreibt: „Die Devise: warm anziehen. Denn der Weihnachtshase macht einen auf Donald Trump: Hasen zuerst! Statt Frieden auf Erden gilt jeder gegen jeden, bis zum Schluss die Weihnachtsbotschaft doch auf Hoffnung setzt. Hochaktuell!“ Ein Auszug.

 

„Was machst du denn hier?“, fragt der Weihnachtsmann und öffnet die Tür, „hast du dich verlaufen?“ Der Hase mit den steif gefrorenen Ohren antwortet nicht und geht in die Hütte.

„Der Wald wird untergehen“, sagt er.

„Warum?“, fragt der Weihnachtsmann.

„Zu voll!“, sagt der Hase und der Weihnachtsmann blickt aus dem Fenster:

„Ich sehe nur Bäume.“

„Du siehst bloß, was du sehen willst“, mault der Hase, „ich sehe Ungerechtigkeit all überall. Und damit muss endlich Schluss sein. Ich will tauschen.“

Der Hase blickt auf den roten Mantel an der Eingangstür.

„Was willst du tauschen, meinen Mantel gegen dein Fell?“

„Gerechtigkeit“, sagt der Hase und blickt ins Feuer.

„Mein lieber Freund …“

„Ich bin nicht dein Freund, und so wie es aussieht, bist du auch kein Freund von mir!“

„Hoho“, lacht der Weihnachtsmann und legt seine Hand auf die kleine Hasenschulter, „ich bin der Freund aller Lebewesen. Kein Lebewesen ist ohne gute Tat und jede gute Tat verdient auch ein Geschenk.“

„Ach, hör doch auf! Wegen deiner Geschenke kommen sie ja. Aus anderen, armen Wäldern. Nicht jeder bringt uns gute Taten mit.“

„Es ist Weihnachten, das Fest der Liebe …“

„Das Fest der Diebe!“, kläfft der Hase wie ein alter Hund. „Sollen sie ihre eigenen Feste feiern. Mit eigenen Geschenken!“

„Und welche sollen das sein? Hunger? Krieg? Angst und Einsamkeit? Ich verstehe dich ja, da sind gute und schlechte Lebewesen, aber jedes hat seinen Sinn. Denn das Böse schärft unseren Blick für das Gute.“

„Fuchsleben sind sinnlos!“

„Nicht für die Füchse.“

„Wolfsleben, Schlangen-, Katzen-, und Hundeleben. Alle sinnlos, aber du machst jedem eine Freude.“

„Wenn Schlangen, Katzen und Hunde gut zu ihren Familien waren …“

„ … waren sie meist nicht gut zu Hasen, Hühnern und Mäusen! Immer mehr Füchse und Wölfe kommen deiner bunten Gaben wegen.“

„Der Wald ist groß genug für alle Tiere.“

„Und wenn sie sich danebenbenehmen?

„Heimische Tiere benehmen sich auch daneben.“

„Verstecken ihre Gesichter aber nicht hinter fremden Federn. Das macht mir Angst!“, ruft der Hase und der Weihnachtsmann erinnert sich an die Zeit, als er zum ersten Mal Geschenke verteilte. Keiner wollte die Päckchen haben, weil man dem Unbekannten noch misstraute.

„Ach, Hase. Auch ich war fremd und meine Geschenke verpackt, aber ist nicht gerade die Überraschung das schönste Geschenk? Das Neue, das Unbekannte und das Einzigartige?“

„Sagt wer? Der einzigartige Weihnachtsmann? Ich werde dir Mal zeigen, wie es sich anfühlt, wenn jemand Neues kommt!“

Der Hase greift sich einen Wunschzettel und schreibt:

„Ich wünsche mir einen neuen Weihnachtsmann!“

Martin Baltscheit

Martin BaltscheitMartin Baltscheit, geboren 1965, studierte Kommunikationsdesign in Essen; Er hat viele Bilderbücher geschrieben und illustriert und bündelt seine zahlreichen Talente in den Produktionen von Theaterstücken, Hörspielen, Trickfilmen und Apps; Für seine Arbeiten erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, wie den Deutschen Jugendtheaterpreis 2010 und den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011 für »Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor«; Seine bekannteste Figur ist der Löwe, der nicht schreiben konnte; Martin Baltscheit lebt mit seiner Familie in Düsseldorf.

Bücher von Martin Baltscheit

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