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Der gemütliche Sachse – »manchesma ä bissel heemdiggsch«

Gunter Böhnke, Kabarettist und sächsisches Urgestein, hat die bemerkenswertesten Dinge über seine Heimat und seine Landsleute zusammengetragen und bietet einen höchst unterhaltsamen Einblick in die sächsische Seele, auf zahlreiche Vorurteile oder kulinarische Spezialitäten. Er präsentiert den Sachsen als Menschen, Dichter oder Revolutionär – von Luther über Wagner und Nietzsche bis Karl May.

 

Der gemütliche Sachse heißt eine Zeitschrift, die in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht nur in Sachsen Furore machte. Denn sie titelte mit der Totschlageigenschaft des Sachsen: der Gemütlichkeit. Damit war der Sachse als Mensch und Bürger vollkommen.

Sämtliche Charaktereigenschaften, die dem Nichtsachsen zugeschrieben werden, verblassen hinter dem Synonym für den – im weitesten Sinne – deutschen Wesenszustand. Nicht umsonst weiß die englische Sprache für Gemütlichkeit kein eigenes Wort zu finden. Zur Not werden die Umlautzeichen eingespart. Aber »Gemutlichkeit« bleibt es dennoch. Im größten englischen Wörterbuch finden wir als Erklärung für »gemütlich« das Wort »genial«. Das gefällt mir schon besser: der geniale Sachse. Zwei Zeilen darunter: »Genial« bedeutet hier »sympathisch« und »fröhlich«. Na und? Ist doch auch nicht schlecht!

Erich Kästner hat den gemütlichen Sachsen in »Als einer über den Dialekt lachte« mit tiefer Zuneigung beschrieben:

 

Mir sinn nich so gemiedlich wie mir sprechen.

Wir hamm, wenn’s sein muß, Dinamit im Blut.

Da gennse Gift droff nähm, dass wir uns rächen.

Na, ihr Gesichte merkt sich ja ganz gut.

Wir wärn ihn schon noch mal de Gnochen brächn.

Nur Mut!

 

Nun gut, Gartenlaubenromantik mag etwas anders aussehen. Aber im Grunde genommen sind es doch gerade die den Sachsen auszeichnenden Eigenschaften, welche der landläufigen Vorstellung von Gemütlichkeit nicht direkt entsprechen. Allem voran sein Erfindungsgeist. Was haben die Sachsen nicht alles erfunden! Vor allem Dinge mit »M«: das Meißner Porzellan, den Melitta-Kaffeefilter und das Malimo-Handtuch. Ach, und noch was mit »m«: die Thermoskanne.

Die größten Erfindungen der Neuzeit gelangen dem Sachsen jedoch nach dem Bau der Deutschland trennenden Mauer. Um sie zu überwinden, wurden im wahrsten Sinne des Wortes Himmel und Erde in Bewegung gesetzt. Vom legendären Fluchttunnel an der Bernauer Straße in Berlin über den doppelten Boden im Pkw bis zur Flucht im Ballon aus Betttüchern mit einem Gaskocher als Heißluftquelle – der Erfindungsgeist der Sachsen war eben grenzenlos! (Übrigens wurden die zur spektakulären Flucht benutzten Betttücher danach in der DDR nicht mehr produziert.)

Aber es ist nicht nur der Erfindungsgeist des Sachsen, der seine Gemütlichkeit infrage stellt. Auch die Entdeckerfreude der Mitteldeutschen entspricht nicht ihrem landläufig verbreiteten Bild. Denn gemütlich waren sie ja nicht gerade, die Reisen nach Australien, durch die Wüste Sahara oder zum Nordpol – das wusste schon Otto Reutter (1870–1931):

 

Und fahren wir zum Nordpol, es kommt soweit,

da fahr’n wir dorthin zur Reisezeit,

vergessen die Kälte, sind ganz in Bann.

Da tönt’s schon: »Ich hab keene Pulswärmer an,

und e Schäälchen mit Heeßen jetzt wär ’ne Arznei!«

Ein Sachse ist immer dabei.

 

Und Sam Hawkins, der neben Old Shatterhand den Wilden Westen eroberte, war auch kein Weichei aus dem sächsischen Schrebergarten. Carl Rudolph Bromme aus Anger-Crottendorf bei Leipzig befehligte die kaiserliche deutsche Seekriegsflotte und Manfred von Ardenne entwickelte die Mehrschritt-Sauerstofftherapie. Daran ist nichts Gemütliches.

Und auch der Sachse Walter Ulbricht war keineswegs gemütlich. Ganz zu schweigen von den »Vopos« an der innerdeutschen Grenze. Spätestens hier muss die dem Sachsen zugeschriebene Wesenseigenschaft als Missverständnis erkannt werden. Wir verweisen also den »gemiedlichen Saggsn« ins Reich der Legende.

Ab und an stößt man bei Abhandlungen über den Sachsen und seine Charaktereigenschaften unter der Rubrik »gemütlich« auf den »Kaffeesachsen«. Dort gehört dieser natürlich nicht hin. Denn das Kaffeetrinken ist eine Philosophie, kein Gemütszustand: »Manche Velker, ’s is ne Sinde, drinkn Gaffee, digg wie Dinde. Eene Bohne schon genieschd, dass sich’s Saggsnherz vorgniechd.« Deswegen werden Sie in Sachsen auch kaum eine Kaffeetasse mit Sprung finden. So stark ist unser »Bliemchengaffee« nicht. Der heißt übrigens so, weil er so dünn ist, dass man die Blümchen auf dem Boden der Tasse deutlich erkennen kann. Die Steigerung ist »Schwerter-Gaffee«. Da kann man die Meißner Schwerter unter der Tasse sichten. Über den »Doppelbliemchen-Gaffee« und »Doppelschwerter-Gaffee«, bei dem der Blick die Untertasse erreicht, wollen wir hier dezent schweigen.

Dass die Bezeichnung »Kaffeesachse« von einem Preußen stammen soll, stört uns nicht: Friedrich II., genannt »der Große«, wollte im Siebenjährigen Krieg die Sachsen schlachten. Als diese nicht auf dem Schlachtfeld erschienen, schickte er einen Boten aus. Der Bote berichtete, dass die Sachsen im Zelt der Marketenderin säßen und Kaffee söffen. Und da soll der große Friedrich wütend gerufen haben: »O, diese verfluchten Kaffeesachsen!« Wir lassen uns doch nicht von einem Preußen beschimpfen! Dor Gaffeesaggse is doch ä Sinoniehm for Bach und Beethoven, for dä Budderbemme und ‚n Bilcherchor! Hier die Beweise. Ein Ehepaar sitzt im »Tannhäuser«. Der Pilgerchor tritt auf. Die Frau zu ihrem Mann: »Bilcherchor, horche zu!« Der Mann: »Das heersde doch glei, dass das ä billcher Chor is!« Und Bach lässt seine Kaffeekantate tönen:

 

Die Mutter liebt den Coffee-Brauch,

die Großmama trank solchen auch,

wer will nun auf die Töchter lästern?

Die Sachsen bleiben Coffee-Schwestern.

 

Wenn das Kaffeetrinken für den Sachsen eine Philosophie ist, so ist das »Didschn« eine Weltanschauung. Obwohl der »Kaffeesachse« natürlich genauso gut »Kartoffelsachse« heißen könnte – in Sachsen werden nachweislich mehr Kartoffeln gegessen als Kaffee getrunken wird –, ist es eine Legende, dass er Kartoffeln in den Kaffee eintaucht, also »didscht«. Zum »Didschn« benutzen wir nur Brötchen, Kuchen, Weihnachtsstollen (Vorsicht! Rosinen rausfischen!), Bemme (kein Fettbrot!) oder Filinchen (verbiegen sich!) und wer im Urlaub ist und Zeit hat, kann auch Pumpernickel nehmen – zwei bis drei Tage, dann wird er weich!

Als Beleg für den ungemütlichen Sachsen noch ein paar Redewendungen: »Nu käs (oder kloß) dich endlich aus! Mach mich nich meschugge! Nu mähr dich doch ma aus! Mache hin! Un halte endlich de Gusche!«

Und wieder ist es Hans Reimann, der doch Gemütlichkeit beschreibt (»Zwei Sachsen im Zug«), aber eine, die weit mehr ist als die landläufige:

 

»Sahche ma, sinn das Tschechn in dein Gubeh[1]

»Nee, Berliner. Änne eegelhafte Gesellschaft!«

»Wieso denn?«

»Na, dähn ihre Schbrahche!«

»Die gefällt dir wohl nich?«

»Färchderlich!«

»Das gännde ich nich saachn.«

»Das is doch nich dei Ernst?«

»Nu euja! Ich finde das direggd schigg, wie de Berliner reedn.«

»Du findsd das schigg?«

»Nu!«

»Das hab ich ooch noch nich geheerd!«

»Nu da heersdes ähmde jedzd! Ich finde ja sogar bayrisch scheen!«

»Nu bayrisch gefälld mir ooch!«

»‚S is eechentlich schade, dass mir Saggsn geen Dialäggd hamm!«

[1]     Coupé, Abteil

 

Gunter Böhnke

Gunter BöhnkeGunter Böhnke wurde 1943 in Dresden geboren und studierte Germanistik, Anglistik sowie Pädagogik an der Universität Leipzig. Dort war er 1966 Mitbegründer des legendären Kabaretts „academixer“. Bis 1970 arbeitete er als Bildredakteur bei der ADN-Zentralbild sowie freiberuflich als Englischlehrer an der Humboldt-Universität. Als Übersetzer bearbeitete er Werke von u.a. Edgar Allan Poe und H. G. Wells. 1971 bis 1978 war er Fremdsprachenlektor und Lektoratsleiter beim Verlag Edition. Anschließend wurde er Berufskabarettist und machte sich 1988 gemeinsam mit Bernd-Lutz Lange als Duo selbstständig. Sie verteilten für die ARD dreizehnmal Nachschlag, zelebrierten für den MDR Den Sachsen von Kopf bis Fuß und traten bis 2004 zusammen auf diversen Kabarettbühnen in Deutschland auf. Von ihm erschienen unter anderem die Bücher Mit dem Floß unters Eis (2002) sowie Ein Sachse beschnarcht die Welt (1998).

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