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Der Feldzug gegen unsere Lebensgrundlage

Alles Leben auf der festen Erde ist abhängig von der Fruchtbarkeit der Böden. Die oberste Schicht der Erde ist nur fruchtbar, weil sie lebendig ist. Die Böden sind belebt, sie sind das größte Biotop der Erde – und wir sind dabei, es zu vernichten. Wir führen damit einen Feldzug gegen unsere Lebensgrundlage. Gegen die Auswirkungen der dauerhaften Schädigung und Vernichtung der lebendigen Böden ist der Klimawandel nur ein laues Lüftchen. Die Europäische Union könnte die Katastrophe allerdings mit einem Federstrich aufhalten: sie müsste nur Agrarsubventionen streichen. Lesen Sie zum Erscheinen von „Rettet den Boden!“ den aktuellen Kommentar von Florian Schwinn.

Wenn die Erde ein Apfel wäre, sagte mein Geografielehrer damals und hielt einen saftigen Apfel hoch, dann wäre das Fleisch des Apfels der glühende flüssige Kern und die Schale des Apfels wäre die feste Erdkruste auf der wir leben. Der Vergleich hinkt, weil die Erdkruste im Verhältnis viel dünner ist als die Apfelschale, aber er hilft der Vorstellung. Nun aber die Ergänzung dieses üblichen Bilds vom Apfel Erde: der unsichtbare Staub auf dem Apfel, das ist die fruchtbare Schicht Erdboden, von der alles Leben auf der Erde abhängt. Und diese lebendige Schicht ist an manchen Stellen nur wenige Zentimeter dick. Auch in Deutschland gibt es Regionen, in denen die fruchtbare Bodenschicht kaum mehr als dreißig Zentimeter misst. Wenn die fort ist, wächst da nichts mehr.

Den meisten Menschen dürfte nicht klar sein, dass sie nur existieren können, weil die oberste Bodenschicht belebt ist und die Milliarden Bodenorganismen den Pflanzen Nährstoffe und Wasser zur Verfügung stellen. In einem Kubikmeter lebendigen, fruchtbaren Bodens leben mehr Organismen, als Menschen auf der Erde: Regenwürmer, Asseln, Springschwänze, Hundertfüßer, Fadenwürmer, Bärtierchen, Geißeltierchen, Pilze, Algen, Mikroorganismen … Sie alle sorgen dafür, dass der Boden Wasser aufnehmen kann, sie bauen abgestorbenes organisches Material zu Humus um und in die Böden ein. Damit ist der Boden eine der größten Kohlenstoffsenken der Erde.

Würden wir auf allen landwirtschaftlich genutzten Böden nur vier Promille Humus jährlich aufbauen, wäre der gesamte menschgemachte CO2-Ausstoß in den Boden eingelagert. Das ist die 4-Promille-Initiative, die Franzosen 2015 bei der Pariser Klimakonferenz angestoßen haben und der sich auch Deutschland angeschlossen hat. Ohne Konsequenzen, denn wir tun das Gegenteil, wir verlieren Boden. Die moderne Landwirtschaft, die die Ackerböden benutzt, als seien sie nur totes Substrat, in dem sich die Pflanzen festhalten, führt zu Erosion und Humusabbau – sie vernichtet den lebendigen Boden. Die Landwirte fahren mit immer schwereren Traktoren und Erntemaschinen die Böden kaputt. Die feinen, mit Wasser und Luft gefüllten Bodenporen, die Regenwurm und Co. in die Böden einbauen, die sie durchlässig machen und zu Wasserspeichern, werden von den schweren Maschinen zerstört, der Boden wird verdichtet. Das Wasser kann nicht mehr einsickern, jeder Starkregen reißt fruchtbare Ackerkrume fort. In trockenen Sommern fliegt der Boden davon.

Die Erosion der geschädigten Böden kann dazu führen, dass in manchen Regionen – auch in Deutschland – die Zeitspanne eines Menschenlebens ausreicht, die gesamte fruchtbare Ackerkrume zu vernichten. Wo heute der Vater noch ackert, werden es seine Töchter und Söhne schon nicht mehr können, wenn wir weiter so mit unseren Böden umgehen. Die Folgen solcher Verwüstungen kann man sich in Spanien bereits anschauen: Über Jahrhunderte betriebene Fincas müssen reihenweise aufgegeben werden, weil nichts mehr wächst, wo Generationen zuvor von Ackerbau und Viehzucht leben konnten.

Die Situation ist bedrohlich und, anders als beim Klimawandel, der Mehrheit nicht bewusst. Die Vernichtung der Böden vollzieht sich schleichend. Dazu kommt die Versiegelung. Täglich werden 60 Hektar fruchtbarer Boden zubetoniert und asphaltiert in Deutschland. Das sind rund 150 Fußballfelder. Diese dauerhafte Bodenvernichtung sollte bis 2020 auf 30 Hektar pro Tag halbiert werden. Auch eines der vielen Umweltversprechen der Bundesregierung, das nicht eingehalten wird.

Obwohl der Vernichtungsfeldzug gegen unsere Lebensgrundlage also unvermindert fortgesetzt wird und täglich Boden verloren geht, haben wir alle Möglichkeiten in der Hand, das sofort zu ändern. Was wir dazu brauchen ist eine Humuswende.

Wenn bei den anstehenden Verhandlungen über die Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union (GAP) nur noch die Landwirte subventioniert werden, die dafür sorgen, dass die Böden nicht geschädigt, sondern bewahrt und aufgebaut werden, dann ist schon fast alles Nötige geschehen. Übrigens ist auch erst dann dem deutschen Bodenschutzgesetz genüge getan, das die Bodenschädigung eigentlich verbietet. Um das zu erreichen, müsste nur die sogenannte erste Säule der Agrarsubventionen abgeschafft werden, die wahllos für jeden landwirtschaftlich genutzten Hektar Boden gezahlt wird.

Diese Umstellung ist nicht leicht durchzusetzen, wäre aber von großer Wirkung, nicht nur für das Leben im Boden, sondern auch für das obendrauf. Wie bodenfreundliche, Humus aufbauende Landwirtschaft funktioniert, das wissen wir. Es gibt Bauern, die seit vielen Jahren so wirtschaften. Sie halten ihre Böden übers ganze Jahr bedeckt, so dass kein Wind und kein Regen Erde abtragen kann, sie füttern ihre Regenwürmer wie ihre Kühe. Sie verzichten weitgehend auf den Pflug und die Giftspritze, die das Bodenleben schädigen. Sie bauen so über Jahre Humus auf. Und sie sind damit auch wirtschaftlich erfolgreich.

Florian Schwinn

Florian SchwinnFlorian Schwinn (Jahrgang 1954) ist Journalist im Bereich Politik und Wissenschaft. Er hat für Print und Hörfunk gearbeitet, Radiofeature produziert und moderiert beim Hessischen Rundfunk die mehrfach ausgezeichnete Radiosendung »Der Tag«. Seit vielen Jahren bearbeitet er Umweltthemen und kümmert sich um die Ausbeutung und den Schutz der natürlichen Ressourcen und unser zwiespältiges Verhältnis zu den »anderen« Tieren.

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