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Der erste Freund des Menschen

Wie kam der Mensch auf den Hund – und damit zu seinem besten Freund? Darüber sind viele Geschichten erzählt worden, die meisten von ihnen reine Fiktion und geprägt von Wunschdenken. In der aktuellen Folge von „Terra X“ geht es um den ersten Freund des Menschen. Florian Schwinn, Autor des Buches „Tödliche Freundschaft“, wurde für den Film interviewt – Einschalten lohnt sich!

Nach über 30 000 Jahren kann eine Geschichte schon mal in Vergessenheit geraten. Selbst eine so weltstürzende wie die Geburt des unschlagbaren Duos aus Mensch und Hund, das die Welt erobern sollte. Als sich die Frühmenschen zum ersten Mal mit einem anderen Tier zusammenschlossen, waren sie noch keine Menschen in unserem heutigen Sinne, und die Hunde waren noch Wölfe. Gemeinsam sind sie zu den Freunden geworden, die sie heute im Idealfall füreinander sein können. Und gemeinsam heißt: aus freiem Willen. Sie haben einander gewählt. Der Wolf den Menschen, und die Steinzeitmenschen den Wolf; zwei Jäger wurden von Konkurrenten zu Gefährten. Wir wissen heute dank moderner Genetik, dass sämtliche Hunde vom eurasischen Wolf abstammen. Unklar ist noch, wann sich die neue Art Canis familiaris von Canis lupus, dem Wolf, getrennt hat. Berechnungen der Genetiker legen nahe, dass das schon vor 130 000 Jahren gewesen sein könnte. Dann wären die Menschen, denen sich die Wölfe angeschlossen haben, aber nicht unsere direkten Vorfahren gewesen, sondern Neandertaler. Und das, so denken viele Wissenschaftler bis heute, kann nicht sein, weil sie dem Neandertaler die enorme mentale Leistung nicht zutrauen, ein Raubtier zu domestizieren.

Aber selbst wenn es Homo sapiens waren, und damit unsere direkten Vorfahren, denen sich die Wölfe angeschlossen haben, und selbst wenn es nicht so lange her ist – der älteste Hundeschädel ist 33 000 Jahre alt -, fand damals keine „Domestikation“ statt. Abgesehen davon, dass es noch gar kein „Domus“ gab – das Haus war noch nicht erfunden -, zeigt heutige Wolfsforschung, dass sich Wölfe nicht zähmen lassen. Selbst wenn sie als Jungtiere mit Menschen leben, kehrt mit der Pubertät die Wildheit zurück. Es müssen sich also Wölfe entschlossen haben, in der Nähe der Menschen zu bleiben, oder auch nur, die Nähe der Menschen zu dulden.

Heute geht die Forschung davon aus, dass es sich bei der Entwicklung von Mensch und Hund um eine Koevolution handelt, also um eine gemeinsame evolutionäre Veränderung zweier Arten, die lange sehr eng zusammenleben. Tatsächlich haben schon Konrad Lorenz, der Vater der Verhaltensforschung, und Jane Goodall, die Mutter der Primatenfeldforschung, gemeinsam darüber nachgedacht, weshalb wir heutigen Menschen uns im Verhalten so sehr von den Schimpansen unterscheiden, unseren selbstsüchtigen nächsten Verwandten. Weshalb können sich moderne Menschen selbstlos verhalten und Fremden helfen? Ein Schimpanse dagegen ist immer auf den eigenen Vorteil bedacht. Die Antwort: Die Menschen haben sich das von den Wölfen abgeschaut. In einem Wolfsrudel wird jedem geholfen, alle kümmern sich um die Aufzucht der Jungen, Kranke werden versorgt und gepflegt, niemand wird allein gelassen.  Das haben die Steinzeitjäger gesehen, als sie die Wölfe beobachteten. Und sie haben bemerkt, welch überlegene soziale Organisation das Rudel ist. Es funktioniert wie das Idealbild, das sich die Vereinigten Staaten ins Wappen geschrieben haben: e pluribus unum – aus Vielen Eines. Menschen waren schon immer besonders gut darin, durch Nachahmung zu lernen. Das soziale Miteinander, das uns dazu befähigt hat, große Gesellschaften zu bilden, war uns nicht in die Gene gelegt. Das haben wir uns abgeschaut. Das ist der Anteil des Hundes an der Menschwerdung des Affen!

Florian Schwinn

Florian SchwinnFlorian Schwinn (Jahrgang 1954) ist Journalist im Bereich Politik und Wissenschaft. Er hat für Print und Hörfunk gearbeitet, Radiofeature produziert und moderiert beim Hessischen Rundfunk die mehrfach ausgezeichnete Radiosendung »Der Tag«. Seit vielen Jahren bearbeitet er Umweltthemen und kümmert sich um die Ausbeutung und den Schutz der natürlichen Ressourcen und unser zwiespältiges Verhältnis zu den »anderen« Tieren.

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