/Kommentare/Der entgrenzte Mensch und die Grenzen der Erde

Der entgrenzte Mensch und die Grenzen der Erde

Ressourcen werden knapper, der Klimawandel schreitet voran, das Artensterben nimmt zu, der Müll und die Verschwendung haben einen Höchststand erreicht, die sozialen Folgen all dieser und vieler weiterer Ereignisse sind ungleich verteilt. Die Menschheit weiß, dass sie handeln und ihr Verhalten verändern muss, um die bestehenden Verhältnisse zumindest zu erhalten. Warum tut sie das in großen Teilen nicht? Kersten Reich macht dafür Nachhaltigkeitsfallen verantwortlich: Denk- und Vorstellungsmuster, die sich Menschen imaginieren und konstruieren, um die Welt nach ihren Wünschen, Sehnsüchten, bisherigen natürlich scheinenden Erklärungen zu formen, ohne hinreichend Rücksicht auf real stattfindende Veränderungen und Gefährdungen zu nehmen. Wohlstandsvermehrung und Nachhaltigkeitsvermeidung gehen Hand in Hand. Was hat uns in diese Fallen getrieben, was lässt sich gegen sie unternehmen? Kersten Reich beendet seine Argumentation mit individuellen Regeln für ein nachhaltiges Verhalten und ergänzt sie im zweiten Band durch gesellschaftliche Regeln.

Früher war der rauchende Schornstein ein Symbol für wirtschaftliches Wachstum, heute gilt er als Beispiel der Umweltverschmutzung. Gerade solche Symbole sind es, die den menschlichen Zweifel haben wachsen lassen, ob die Nachhaltigkeit unserer Handlungen und unsere Hinterlassenschaften für die nachfolgenden Generationen noch so zu rechtfertigen sind. Ist ein Umdenken an der Zeit und was kostet es uns? Oder müssen wir sogar umdenken, weil alles auf dem Spiel steht?

Unser bisheriges Verhalten und seine Entstehung sind ein Problem. Wir haben uns durch die Bevorzugung bestimmter Vorstellungen und Denkweisen in die gegenwärtige Lage manövriert. Fehlende Nachhaltigkeit und daraus resultierende Folgen in der Natur und Umwelt sind nicht willkürlich oder zufällig, vielmehr sind sie aus vergangenen schädlichen Handlungen und unserem Umgang mit ihnen hervorgegangen. Dies lässt sich an folgendem Beispiel gut veranschaulichen: Es wird erzählt, dass es in Delhi zur britischen Kolonialzeit eine Kobra-Plage gab. Um die Risiken durch diese hochgiftige Schlange zu mindern, wurden Prämien für gefangene Kobras vergeben. Schnell kamen findige Händler[1] darauf, immer mehr Kobras zu züchten, um die Prämie einzuheimsen, woraufhin diese wieder aufgehoben wurde. Dies führte schließlich dazu, dass die Anzahl an Kobras sogar erheblich anstieg, da die Züchterinnen ihre Schlangen einfach aussetzten, nachdem sich mit ihnen kein Gewinn mehr machen ließ.

Hier zeigt sich: Die Lösung kann die Falle sein. Es gibt eine Vielzahl solcher Fallen, die dadurch erzeugt werden, dass von Beginn an nicht langfristig genug gedacht wurde und so mögliche Folgeeffekte nicht imaginiert werden konnten. Meist sind dies kausale Wirkungsketten, die zu kurz greifen, weil der Mensch häufig eher den kurzfristigen Gewinn als die langfristige Wohltat für alle vor Augen hat. Menschen fällt es in der Sicherung individueller Vorteile oftmals schwer, in systemischen Zusammenhängen zu denken. Sie bevorzugen eher lineare Abfolgen (viele Kobras = Prämie = Ausrottung), weil die Weitsicht auf systemische Kontexte eine Perspektiverweiterung (gezüchtete Kobras = Tauschmittel = Gewinn) bedeuten würde, was mit einer Aufgabe der eigenen Verengung auf die persönlichen Vorteile einherginge. Menschen tappen immer wieder in solche Fallen und erzeugen sie auch selbst, weil der kurzfristige Erfolg die langfristigen Folgen überschattet und unsichtbar macht. Das macht die Kobra-Plage mit der gegenwärtigen Umweltsituation und den zu kurzfristig – nicht nachhaltig – gedachten Maßnahmen vergleichbar.

Nachhaltigkeitsfallen gibt es heute viele. Die meisten Menschen würden wohl für Nachhaltigkeit plädieren, sobald ihnen klar wird, dass der Klimawandel auch ihr eigenes Wohlbefinden in Zukunft stark gefährden wird. Die Nachhaltigkeit ist aber immer nur ein Aspekt in ihrem Leben und steht so stetig in Konkurrenz mit anderen Erwartungen, Wünschen und Ordnungen, die oft deshalb im Vordergrund stehen, weil sie entweder über das Überleben oder ein Leben im Wohlstand entscheiden. Wenn diese Aspekte mit der Nachhaltigkeit in einen Konflikt geraten, der vielfach noch nicht einmal unmittelbar erkennbar ist, entsteht eine Falle, die darin besteht, einfach das alte Verhalten zu bevorzugen und Veränderungen nach hinten zu schieben. Ich weiß beispielsweise, dass mein Auto CO2 ausstößt und dies für das Klima schädlich ist. Aber das Auto ist mir wichtig, da es für mich Freiheit, Mobilität und sozialen Status repräsentiert. Außerdem benötige ich es, um zur Arbeit zu kommen, und weil alle anderen auch Auto fahren und der Nahverkehr eingeschränkt ist, fahre auch ich. Hinzu kommt, dass ich in einem Land lebe, das sehr viele Autos produziert, in dem viele Arbeitsplätze und die Wirtschaftskraft von eben dieser Produktion abhängen, sodass ich womöglich sogar den allgemeinen Wohlstand riskiere, wenn ich auf das Auto verzichten würde. Hier wird die Falle konkret sichtbar.

Die größte Nachhaltigkeitsfalle entsteht für mich heute aus der gedanklichen Vorstellung, es gäbe für uns letztendlich immer einen Weg, durch den wir uns nicht wirklich schnell und umfassend ändern müssten. Viele Menschen sind sich der gegenwärtigen Umweltkrise und Ressourcenverschwendung, auch der darin offen zutage tretenden Nachlässigkeit gegenüber unseren Überlebenschancen in der Zukunft sehr wohl bewusst, glauben aber zugleich, dass es nie so schlimm kommen wird, wie es uns wissenschaftliche Prognosen vorhersagen. Die Grenzen der Erde, wie sie aus Sicht der Wissenschaften erscheinen, sind Menschen nur schwer vermittelbar, bevor Katastrophen in der Nähe eintreten.

Diese menschlichen Denk- und Vorstellungsweisen können Mut machen, dass es noch nicht und nie zu spät ist, unser bisheriges Handeln zu ändern. Dieser Ansatz mag als ein zumindest mitunter optimistischer erscheinen, denn es ist für viele Menschen wichtig, einen positiven Sinn ihrer Handlungen und ihres Engagements anzunehmen, wenn es überhaupt erfolgreich sein soll. Allerdings – und dies ist der weniger optimistische Teil – zeigt eine Mehrheit der Forschungen auch schwer überwindbare Barrieren der Verhaltensänderung. Aber immerhin könnte es durch eine Umstellung des menschlichen Verhaltens gelingen, die Nachhaltigkeits­krise auf verschiedenen Wegen zu meistern, wenn dies auch angesichts des gegenwärtigen Verhaltens breiter Massen als unwahrscheinlich erscheinen muss.

Was soll oder muss im Verhalten geändert werden? Die Ausgangslage ist ziemlich klar: Ressourcen werden knapper, die Treibhausgase steigen ständig, der Klimawandel schreitet voran, das Artensterben nimmt zu, der Müll und die Verschwendung haben einen Höchststand erreicht, die sozialen Folgen all dieser und vieler weiterer Ereignisse sind ungleich verteilt. Die Menschheit weiß, dass sie handeln, ihr Verhalten verändern, nachhaltiger leben muss, um die bestehenden Verhältnisse zumindest zu erhalten und nicht auch noch zu verschlechtern. Aber ist sie dazu überhaupt hinreichend in der Lage? Ich möchte in der Beantwortung dieser Frage menschliche Denk- und Vorstellungsweisen beschreiben, die zeigen können, warum Menschen große Schwierigkeiten im Umgang mit der Nachhaltigkeit haben, die aber zugleich auch verdeutlichen, warum wir in diese Krise gekommen sind und welche Chancen in einer Bewusstmachung derjenigen Fallen liegen können, die uns davon abhalten, unser Verhalten zu ändern.

Kersten Reich

Kersten ReichKersten Reich ist als Lernforscher und Kulturtheoretiker im deutschen und englischen Sprachraum durch viele Veröffentlichungen bekannt. Mehr als 40 Jahre lang hat er sich an der Universität Köln umfassend mit Fragen zu Demokratie und Erziehung, sozialer Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit beschäftigt. Zudem hat er mit seinen Büchern zum Lernen und zur Didaktik den Grundstein für die Eröffnung der Inklusiven Universitätsschule der Stadt Köln gelegt und so auf praktische Weise an einer Veränderung der Lernkultur mitgewirkt.

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