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Das Scheitern der neoklassischen Ökonomie

Die nächste Finanzkrise kommt bestimmt. Es ist nur noch unklar, welches Ereignis sie auslösen wird. Eine Konjunkturflaute in China? Ein Crash in einem anderen großen Schwellenland? Oder eine neue Volte in der Eurokrise? Denn seit der letzten Krise hat sich nichts geändert. Viele Banken sind sogar noch größer geworden – und sie haben weiterhin zu wenig Eigenkapital, das als Verlustpuffer dienen könnte. Ulrike Herrmann erklärt die Krise der neoklassischen Ökonomie.

Bereits die letzte Finanzkrise war sehr teuer. Weltweit beliefen sich die Schäden auf mehrere Billionen Dollar. Denn es kollabierten ja nicht nur die Banken, auch die restliche Wirtschaft brach ein. Also mussten nicht nur Kreditinstitute saniert, sondern auch Arbeitslose unterstützt, Konjunkturpakete aufgelegt und enorme Steuerausfälle verkraftet werden. Allein in Deutschland stieg die Staatsverschuldung schlagartig um etwa 400 Milliarden Euro.

Trotzdem wird ein neuer Crash riskiert. Allerdings wäre es zu einfach, diese Fahrlässigkeit allein den Politikern anzulasten. Denn sie können die nötige Fachkompetenz gar nicht besitzen und sind auf die Beratung von Experten angewiesen. Doch die allermeisten Ökonomen versagen. Die Spekulation der Banken und Fonds wird achselzuckend zur Kenntnis genommen, obwohl sie gigantische Ausmaße angenommen hat: Im Dezember 2015 betrug der Nominalwert der außerbörslich gehandelten Derivate 493 Billionen Dollar. Mit einer „Absicherung“ von realen Geschäften realer Firmen haben diese Papiere nichts mehr zu tun, denn die weltweite Wirtschaftsleistung betrug 2015 insgesamt nur rund 73 Billionen Dollar. Die Spekulation führt längst ein Eigenleben und hat sich von der Wirklichkeit entkoppelt.

Dennoch hört man vom Mainstream der Ökonomie nie, dass die Spekulation einzudämmen sei. Ganz im Gegenteil. Die „Finanzmärkte“ werden wieder zu einem Hort der absoluten Rationalität geadelt, wo angeblich völlig objektiv und „effizient“ bewertet wird, was Aktien, Rohstoffe oder Währungen wert sind. Selbst die Zentralbanken sind erstaunlich sorglos. Offiziell sind sie zwar damit beauftragt, die Finanzmärkte zu überwachen, aber auch diese Aufseher warnen nie, dass die vielen Derivate gefährlich sein könnten. Wie ist dies möglich?

Die meisten Ökonomen können die Spekulation nicht wahrnehmen – weil sie in ihrer Theorie gar nicht vorkommt. Denn die sogenannte „Neoklassik“ geht davon aus, dass die Finanzmärkte stets zum harmonischen Gleichgewicht neigen. Der Name für diese Theorie lautet in voller Länge „Dynamic Stochastic General Equilibrium Models“, gern auch zu DSGE abgekürzt. Vor der Finanzkrise arbeiteten alle Zentralbanken mit diesen DSGE-Modellen.

Zunächst mag es noch harmlos klingen, stets ein Gleichgewicht anzunehmen. Doch mathematisch lässt sich zeigen, dass ein Gleichgewicht nur dann garantiert ist, wenn die gesamte Weltwirtschaft auf eine einzige exemplarische Person reduziert wird – wenn man also so tut, als würde auf dieser Erde nur ein einsamer Robinson Crusoe leben.

Selbst Freitag darf diese Welt nicht betreten, weil schon zwei Menschen dafür sorgen würden, dass das Gleichgewicht nicht mehr gesichert ist. Der neoklassische Robinson Crusoe ist zudem kein normaler Mensch – sondern lebt ewig. Die Neoklassik kann nämlich nicht modellieren, wie das Altern den Konsum verändert. Außerdem stellt Robinson lebenslang nur eine einzige Ware her, weil schon zwei Güter die Theorie ebenfalls ins Chaos treiben würden.

Das Leben in dieser neoklassischen Theoriewelt nimmt also sehr merkwürdige Konturen an: Der einsame Konsument, der ewig lebt, verbraucht alle Waren, die aber nur aus einem einzigen Produkt bestehen, das in einer einzigen Firma hergestellt wird, die der einzige Konsument selbst besitzt und in der er auch der einzige Angestellte ist. Banken, Kredite oder gar Geld sind in diesem Modell überflüssig.

Der Nobelpreisträger Ronald Coase merkte einmal bissig an, die Neoklassik sei nur in der Lage, „Einzelgänger“ zu analysieren, „die am Rande eines Waldes mit Beeren und Nüssen handeln“. Es ist also kein Wunder, dass die Zentralbanken von der letzten Finanzkrise vollkommen überrascht wurden: Sie hatten einen Crash theoretisch von vornherein ausgeschlossen.

Selbst extreme Alarmzeichen wurden nicht bemerkt. So bereitete es dem späteren Fed-Chef Ben Bernanke 2005 keine Sorgen, dass die Hauspreise in den USA in den beiden zurückliegenden Jahren um sensationelle 25 Prozent gestiegen waren. Dieser Preisauftrieb würde „vor allem die starken wirtschaftlichen Fundamentaldaten widerspiegeln“, erklärte Bernanke dem US-Kongress.

Tatsächlich waren es jedoch keine „Fundamentaldaten“, die die Hauspreise steigen ließen. Stattdessen war die Kreditvergabe explodiert und erreichte ein nie gekanntes Ausmaß. 2001 hatte das Volumen aller Hypotheken in den USA noch bei 5,3 Billionen Dollar gelegen; 2007 waren es dann 10,5 Billionen Dollar. Schon als nackte Zahlen sind diese Summen eindrucksvoll, aber im historischen Vergleich werden sie noch sensationeller: „In nur sechs Jahren stiegen die Hypothekenschulden der amerikanischen Haushalte fast so stark wie im Laufe der mehr als 200-jährigen Geschichte unseres Landes“, stellte das US-Repräsentantenhaus später schockiert fest, als es die Finanzkrise aufarbeitete.

Doch trotz dieser Mega-Pleite bleiben die Mainstream-Ökonomen bei ihrer Theorie, wofür Bernanke erneut ein gutes Beispiel ist. Nach der Finanzkrise sagte er selbstbewusst: „Ich denke, dass die Forderung übertrieben ist, dass das ganze Fach neu überdacht werden muss. Ich würde argumentieren, dass die Finanzkrise im Wesentlichen ein Versagen der ökonomischen Steuerung und des ökonomischen Managements war – aber nicht der ökonomischen Wissenschaft.“

Bernanke scheint also zu glauben, dass die „ökonomische Steuerung“ in einem luftleeren Raum stattfindet und die Theorie keinerlei Einfluss darauf hat, wie die Banken beaufsichtigt werden. Wäre dies wahr, wären die Wirtschaftswissenschaften überflüssig.

Tatsächlich ist es umgekehrt: Da die Neoklassik bei ihren alten Theorien verharrt, hat sich auch auf den Finanzmärkten nicht viel geändert. Nach der Krise wurden zwar neue Vorschriften erlassen, die inzwischen viele tausend Seiten umfassen – aber an den zentralen Stellschrauben des Systems wurde nicht gedreht, wie das gigantische Volumen der Derivate zeigt.

Zur Neoklassik zählen sich etwa 85 Prozent aller Ökonomen. Sie werden wieder scheitern und Kosten produzieren, die in die Billionen gehen.

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Ulrike Herrmann

Ulrike HerrmannUlrike Herrmann arbeitet als Wirtschaftskorrespondentin bei der "tageszeitung" (taz). Zudem ist sie regelmäßiger Gast im Radio und im Fernsehen. Herrmann ist ausgebildete Bankkauffrau und hat an der FU Berlin Geschichte und Philosophie studiert. Zuletzt erschienen im Westend Verlag ihre Bestseller "Hurra, wir dürfen zahlen" (2010), "Der Sieg des Kapitals" (2013) sowie "Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung" (2016).

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