/Kommentare/Das große Verdrängen – Wie das Alter über den Alltag kommt

Das große Verdrängen – Wie das Alter über den Alltag kommt

Die Sorge um die alt werdenden Eltern ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Familienstrukturen haben sich aufgelöst, das Leben in der globalisierten Welt fordert maximale Flexibilität und Mobilität. Die wenigsten sind darauf vorbereitet, plötzlich für gebrechliche Menschen da sein zu müssen. Die Pflege reißt Lücken in unsere Lebensläufe und konfrontiert uns mit uns selbst. Dies umso mehr, wenn die Eltern den Zweiten Weltkrieg erlebt haben und in ihrer Seele unaufgearbeitete Traumata verbergen. Sebastian Schoepp macht sich auf eine Zeitreise ins Leben seiner Eltern, vom Russlandfeldzug bis ins Pflegeheim, und damit in die Vergangenheit Deutschlands. Denn mit dem endgültigen Ableben der Kriegsgeneration endet auch eine Epoche. Lesen Sie zum Erscheinen ein Auszug aus seinem neuen Buch Seht zu, wie Ihr zurechtkommt, dessen Thema uns alle betrifft.  

»Wo Altern nicht mehr im Interesse der
Gesellschaft ist – und so ist es bei uns –,
ist es auch die verlängerte Lebenserwartung nicht.«
Frank Schirrmacher

Es fängt schleichend an. Eine klappernde, lockere Fliese auf dem Küchenboden; Flecken auf den früher makellosen Teppichen; eine lose Schelle an der Dachrinne; eingetrocknete Krusten auf der Kleidung; tropfende Wasserhähne: All das hätte es früher in der Doppelhaushälfte meiner Eltern nicht gegeben. Staubige Batterien der immer gleichen Putzmittel begannen die Schränke zu verstopfen, weil Mutter beim Kauf vergessen hatte, dass ja noch fünf Flaschen da waren. Vorrat an Scheuerpulver, Möbelpolitur, Feuchtwischtücher für Jahre und Jahrzehnte sammelte sich an. Mit solchen Anzeichen des Kontrollverlusts über die eigene Umgebung kündigt sich die letzte Phase des Lebens an.

Wenn die Eltern alt werden, kommt unweigerlich der Zeitpunkt, da man sich fragt: Ab wann kann ich es nicht mehr laufen lassen? War es, als Vater den Herzschrittmacher bekam? War es, als Mutter im Garten stürzte und sich den Arm brach? War es, als ich die Schimmelflecken hinter der Toilette entdeckte, ein Warnzeichen in einem Haushalt, der so auf Ordnung bedacht war, dass man einen Anschiss bekam, wenn man auch nur einen Untersetzer an die falsche Stelle räumte (für mich war diese Pedanterie als Zwanzigjähriger letztlich der Anlass auszuziehen)? War es, als sie anfingen, dieselben alten Geschichten ständig erneut zu erzählen, und ich es aufgab, sie daran zu erinnern, dass ich sie bereits zwanzig-, dreißig-, hundertmal gehört hatte, sondern mich einfach hinsetzte und innerlich auf Durchzug schaltete (was manchmal ganz gut tat)?

Anfangs hatte ich vermutet, die stoische Weigerung meiner Eltern, über die Zukunft zu reden, sei allein der Arroganz von Menschen geschuldet, denen es aufgrund von guten Genen, Überlebenstalent, Bewegung und gesunder Lebensführung relativ lange gut gegangen war. Mit der Zeit begriff ich, dass da mehr verborgen lag. Mir kam es zunehmend so vor, als behandelten meine Eltern die Zukunft einfach mit der gleichen Methode wie die Vergangenheit – mit Missachtung. Meine Eltern hatten im echten Leben wahrscheinlich mehr Menschen sterben sehen als jeder Millennialnerd beim Ballerspiel auf dem Bildschirm. Das hatte in ihnen wenig Neigung hinterlassen, sich ein zweites Mal im Leben mit dem Tod auseinanderzusetzen, vor allem nicht mit ihrem eigenen, den sie so oft ausgetrickst hatten. Verdrängung hatten sie als taugliches Mittel angesehen, die Geister von gestern zu bändigen. Warum also nicht in Bezug auf die Zukunft dasselbe Mittel anwenden, das nahende Siechtum mit Nichtachtung strafen und dadurch auf Distanz halten? Ich merkte, dass der emotionalen Verstocktheit meiner Eltern, ihrer Realitätsverleugnung, ihrem Schweigen etwas zugrunde lag, das tiefer in unserer Geschichte verborgen war, und zwar nicht nur der Geschichte unserer Familie – sondern der des ganzen Landes.

Diese Erkenntnis, die sich erst in der letzten Lebensphase meiner Eltern herauskristallisierte, hat mir sehr geholfen – nicht nur bei dem Versuch, sie besser zu verstehen und die schwere Zeit als Gewinn zu sehen. Ich kam meinen Eltern in diesen Jahren auch wieder näher und fand heraus, dass ich mit dem Problem keineswegs allein dastand. Eine ganze Generation ist betroffen. »Unerklärliche Ängste und ein unsicheres Lebensgefühl prägen noch heute die Generation der Kriegskinder und -enkel. Jeder dritte Deutsche ist davon betroffen«, heißt es in einem Artikel der Zeitung Die Welt.- Ich erlebte sozusagen am eigenen Leib, wie sehr Geschichte ins Private drängt, wie sehr die kollektive Vergangenheit eines Landes das Leben jedes Einzelnen prägt. Es verhielt sich genauso, wie William Faulkner es ausgedrückt hat: »Das Vergangene ist niemals tot, es ist nicht einmal vergangen.«

  • Doch zunächst hatte ich – als meine Eltern gebrechlich wurden – andere, praktischere Fragen zu beantworten, und zwar schnell.
  • Was brauchten sie?
  • Konnte ich Beruf und Pflege vereinbaren?
  • Wie lange reicht das Geld?
  • Machte ich hier eigentlich irgendetwas richtig?

Auch da stellte ich bald fest, Teil einer gesamtgesellschaftlichen Herausforderung zu sein. Jeder pflegt allein lautet der treffende Titel eines Buches. Der Titel illustriert, dass Pflege in unserem Land trotz vollmundiger Bekenntnisse der Politik kaum mit der geforderten schrankenlosen Mobilität, dem Dogma des Individualismus und der Dauerleistungsbereitschaft in der Gesellschaft zu vereinbaren ist. Gerade in Bayern – aber nicht nur dort – fühlt man sich bei der Altenpflege allen sozialen Veränderungen zum Trotz jenem vormodernen Familienbild10 verpflichtet, das auf den westdeutschen Gesellschaftsverhältnissen der Nachkriegszeit gründet, in der die Familie nach dem staatlichen Totalversagen den sozialen Anker bildete. Wer sich hierzulande an offizielle Beratungsstellen wendet, stößt allenthalben auf ein altmodisches familiaristisches Modell, an dem normativ festgehalten wird. Es wird eisern das »Subsidiaritätsprinzip« verfochten, also die Verlagerung der sozialen Verantwortung auf die niedrigste mögliche Instanz: die Familie. »Subsidiarität« aber ist nichts anderes als ein hochtrabendes Synonym für Mutters guten alten Grundsatz: Sieh zu, wie du zurechtkommst.

Sebastian Schoepp

Sebastian SchoeppSebastian Schoepp, Jahrgang 1964, ist politischer Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. Er hat sich einen großen Teil seines Berufslebens mit Südeuropa und Lateinamerika befasst. Gewissermaßen als Krönung der Laufbahn winkte schließlich der Posten als Korrespondent in Buenos Aires. Doch genau in diesem Moment musste Schoepp erfahren, dass es andere Dinge im Leben gibt, die schwerer wiegen als Karriere. Um sich um seine Eltern zu kümmern, verzichtete er auf Südamerika. Er hat diese Entscheidung nie bereut.

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