/Kommentare/Das abenteuerliche Leben der Madame Cliquot

Das abenteuerliche Leben der Madame Cliquot

Über Unternehmerinnen im 18. Jahrhundert weiß man so gut wie nichts. Der Roman „Die Unbeirrbare“ erzählt die Geschichte einer Frau im Frankreich jener Zeit in einer Ära politischer Umstürze, in der Frauen weitgehend rechtlos und im öffentlichen Leben unsichtbar waren. In dieser Atmosphäre wächst Nicole Clicquot-Ponsardin auf. Sie trotzt allen Schlägen des Schicksals, setzt zweimal alles aufs Spiel und errichtet mit ihrer Beharrlichkeit und Kraft ein Unternehmen, das bis heute existiert und unter dem Namen Veuve Cliquot floriert. Zum Jahresbeginn bringen wir einen kleinen Auszug, der zeigt, das auf Krisen in der Regel auch bessere Zeiten folgen – in diesem Sinne alles Gute für das neue Jahr.

Da es draußen entsetzlich warm geworden ist, bereitet Nicole ihr gemeinsames Krisen-Diner in einem der von ihr angemieteten kühlen Keller ihres Vaters unter dem Palais Ponsardin vor. Über einen langen unterirdischen Gang sind diese Keller mit denen ihres eigenen Hauses verbunden. Ponsardin hat nichts dagegen, dass Nicole große Teile seiner Gewölbe als erweitertes Lager für ihre Weinbestände nutzt. Sie liebt die hohen Steinwände aus jahrtausendealter Kreide, mit denen weite Teile der Stadt Reims seit der Römerzeit unterhöhlt sind. Der leicht poröse Kreidefels strahlt eine besonders weiche Kühle aus, weil er viel Feuchtigkeit speichern kann. Nicht zuletzt ist es dieses Gestein, das verantwortlich ist für den exzellenten Wein der Champagne. Schon als Kind hat Nicole an heißen Sommertagen in den Gewölben unter ihrem Elternhaus mit ihren Geschwistern gespielt.

Antoine, der Hausdiener, hat Kandelaber im Raum verteilt. Ein Eisentisch und Stühle stehen ohnehin immer hier unten im großen Steinsaal. Die hellgrauen Felswände haben eine beschützende Wirkung, denkt Nicole. Sie vermitteln uns eine gute Atmosphäre: Roh, ungeschliffen, mächtig und vielfach in sich gebrochen ist dieses Gestein zugleich aufregend und entspannend. Es ist, als säße man mitten in der Natur, aber durch die höhlenartige Atmosphäre des Raumes ist man vollends geschützt.

Rachel hat für die Gäste etwas Einfaches zubereitet. Eine Hasenpastete. Dazu gibt es frischen Salat und passendes Salzgebäck. Ein Weinkühler mit Roséwein aus Bouzy steht auf dem Tisch, drei Gläser sind mit kaltem Wein gefüllt und schwitzen vor Feuchtigkeit. Damit Nicole ihren beiden Gästen direkt in die Augen schauen kann, hat sie sich ihnen gegenüber platziert. Zwischen ihr und den Gästen liegt die lange metallene Tischplatte, die heute wie ein grüner See schimmert und feierliche Nachdenklichkeit verbreitet. Nicole hat sich vorgenommen, sehr offen zu sein und auch den schmerzhaften Schritt der Schließung des Unternehmens anzusprechen.

Ohne Umschweife kommt sie zum Thema: »Ich habe Sie heute eingeladen, weil ich mich sorge, wie ich mich noch nie um unser Unternehmen gesorgt habe. Wir befinden uns am Beginn einer krisenhaften Situation, und ich habe nicht das Gefühl, dass wir sie bestehen werden.« Nicole beißt sich auf die eine Seite ihrer Lippe, nachdem sie die Sätze zu Ende gesprochen hat.

Sie fährt fort: »Sie beide haben die besten Einblicke in unsere Produktion, unsere Absätze und unsere Bilanz. Ich kann Ihnen sagen, dass sich unser Geschäft aus meiner Sicht noch genau ein weiteres Jahr finanzieren lässt, wenn die Bestellungen so zögerlich weitergehen wie in den letzten beiden Jahren. Wenn wir in dieser Zeit keine Besserung erzielen, muss ich das Unternehmen wegen Zahlungsunfähigkeit schließen.« Sie macht eine kurze Pause, schaut auf die Oberfläche der Tischplatte, in der sich flackernder Kerzenschein spiegelt. Dann blickt sie wieder auf und fragt: »Wie sehen Sie die Situation? Sie haben dasselbe Wissen über die Lage wie ich. Haben Sie Ideen, was wir ändern können, um eine Pleite zu verhindern?«

Es entsteht eine längere Pause. Niemand beginnt zu essen oder zu trinken.

»Und nebenbei wünsche ich ihnen jetzt einen guten Appetit«, sagt Nicole und lacht. Sie ist froh, dass sie das Wort »Zahlungsunfähigkeit«, das sie seit einigen Wochen verfolgt, einmal laut ausgesprochen hat. Schon das nimmt Last von ihren Schultern. Sie will nicht überdramatisch klingen, die Kollegen nicht sofort in die Defensive zwingen, doch die Situation ist ihren Berechnungen nach wirklich ernst, und sie will wissen, wie die anderen darüber denken.

»Die Frage ist, ob Sie kämpfen wollen«, sagt Georg Kessler in die Stille hinein. Er trägt einen hellgrauen Rock aus hochmodernem, von kleinen Rauten übersäten Jacquard-Stoff, den Nicoles Vater neuerdings an alle Schneider der Republik verkauft. Changierende Seide, silbrig im Ton. Der Rock passt zum Stein um uns herum, denkt Nicole. Ob Kessler sich das wohl vorher überlegt hat?

»Unsere Ware wird ja nicht schlecht«, sagt Anton Mueller, »und der Kaiser ist angeschlagen«, plädiert er sofort für die Fortsetzung.

»Ich hoffe bereits seit drei Jahren darauf, dass Napoleon müde wird oder sich von seiner Idee, ganz Europa zu beherrschen, entfernt«, erwidert Nicole. »Bisher ist das Gegenteil eingetreten. Keiner kann ihn bremsen. Es wird immer schlimmer.«

Nicole würde Anton gerne mehr Spielraum geben. Er ist ein erfindungsreicher Träumer, seine Weinverschnitte sind originell, wenn nicht kühn. Damit verblüfft er sie ein ums andere Mal. Ihm schweben Motto-Weine nach bestimmten Sternenkonstellationen vor, die sie bisher abgelehnt hat, weil Clicquot für so etwas noch nicht bekannt genug ist. Gleichzeitig ärgert sie sich manchmal darüber, dass Anton nie an die Kosten denkt. Und dann geißelt sie sich gleich wieder selbst dafür, dass sie die Zahlen kaum noch aus ihrem Kopf vertreiben kann.

»Ich plädiere für Ausdauer – und für das kühle Durchrechnen«, sagt Kessler und fixiert Nicole mit seinen Augen. »Nach meiner Kalkulation können wir zwei weitere schwache Jahre mit den Finanzen durchhalten. Wir sollten konsequent weitermachen, ohne uns irgendwo zu verausgaben«, ergänzt er.

»Und das heißt?«, fragt Nicole verwundert.

»Wenn wir unsere Ware weniger weit transportieren und wieder etwas mehr Champagner als Stillwein absetzen, sparen wir Geld und erhöhen unsere Gewinnspanne«, erklärt Kessler. »Und wenn es hart auf hart kommt, könnten wir fünf der sieben Handelsreisenden einsparen. Das wäre in fiskalischer Hinsicht ein Befreiungsschlag.«

»Dann sagen wir dem internationalen Markt adieu«, erwidert Nicole zögerlich und nimmt einen Schluck aus ihrem Weinglas. »Genau das ist es, was ich nicht will: einen Tod auf Raten«, fügt sie an.

Georg berührt sanft ihren Unterarm: »Ich versichere Ihnen, so etwas will ich auch nicht, Madame. Wir werden das verhindern!« Wieder schaut er ihr fest in die Augen, als könne er ihr eine Art Wahrhaftigkeitsbotschaft über den Tisch schicken und sagt: »Wir brauchen einen Winterschlaf mit reduzierter Aktivität für unser Unternehmen, solange die Situation so ist, wie sie ist. Unsere Reisenden könnten andere Dinge mitverkaufen, nicht nur unseren Wein. Wir würden sie dann nur noch für die Ware bezahlen, die sie auch wirklich für unser Haus absetzen.« Georg beobachtet sorgfältig Nicoles Reaktion, während er spricht. Er sieht, dass er jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit hat und fährt fort: »Wenn das Geschäft wieder anspringt, haben wir unsere Reisenden immer noch und können sie wieder ganz für uns auslasten«, schließt er.

Georg Kessler wendet sein Gesicht nach unten, um seinen Rock in Form zu bringen, dann fährt er fort: »Ich weiß, dass Sie das nicht mögen, so einen Winterschlaf, Madame. Aber ich möchte Ihnen versichern: Ich glaube weiterhin fest an die Idee ihres Champagnerhauses. Es entsteht gerade überall in Europa ein wohlhabendes Bürgertum. Die Dinge verändern sich, trotz der Kriege. Jeder möchte gerne so leben wie die Könige und Fürsten hier in Frankreich. Und dazu gehört auf jeden Fall unser Champagner. Wir müssen jetzt nur eine gewisse Zeit überbrücken.«

Nicole missfällt die Idee, die Handelsreisenden ein Stück weit aufzugeben. Wer weiß, ob sie dann treu bleiben? Wie kann man sicher sein, dass sie so überhaupt überleben können?

Das Wort »Winterschlaf«, das von Georg aufgebracht wird, hat allerdings nun doch eine gewisse Beruhigung in ihr ausgelöst. Es ist eine interessante Idee, denkt sie nach einer Weile, ein guter Einfall, der ihr wie eine plausible Alternative zu einer Schließung erscheint. Vielleicht liegt darin ja wirklich eine Lösung. Sie beginnt sofort zu überlegen, was man noch alles zurückfahren könnte, ohne ihr Haus nach außen hin nicht mehr aktiv erscheinen zu lassen.

»Unserem Champagner würde es rein gar nichts ausmachen, wenn er ein paar Jahre länger hier unten reift«, wirft der Kellermeister ein. Jeden Tag besteht er auf mehr angemieteter Lagerfläche, weil er sicher ist, aus einem Gemisch älterer Champagner eine noch bessere Qualität hervorbringen zu können.

»Ich würde gerne einige Geschmacksexperimente versuchen. Wir könnten einen spritzigen Sommer-Champagner herstellen oder einen Rosé-Champagner, an den sich noch niemand herangetraut hat«, sagt er.

»Die zentrale Frage ist, wie lange diese korrupte Notsituation, die unsere Regierung uns aufgedrückt hat, noch dauern wird«, sagt Kessler, »aber das werden wir heute Abend nicht herausbekommen.«

Die Kreidewände erscheinen jetzt plötzlich in leicht grünlichem Licht, denkt Nicole, es muss draußen dunkel geworden sein. Sie hört Georg gerne zu, und er fährt auch schon fort: »Die Handelsblockaden können morgen wieder vorbei sein, oder diese alberne Streiterei auf dem Rücken aller normal arbeitenden Menschen geht noch jahrelang so weiter. Ich hoffe allerdings, dass sich die verdammten Großfabrikanten allmählich dagegen erheben. Die Schiffe verfaulen in unseren Häfen, der Staatskasse fehlen die Zolleinnahmen, auch ein Napoleon kann das nicht ewig durchhalten. Nach ein, zwei Jahren wird der Spuk vorbei sein und wir werden sehen, dass unser Champagner den Weltmarkt erobert«, schließt Kessler.

Marie-Luise Wolff

Marie-Luise WolffDr. Marie-Luise Wolff (1958) leitet als Vorstandsvorsitzende die ENTEGA AG, einen der großen deutschen Energieversorger in öffentlicher Hand, und ist Präsidentin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. (BDEW). Die studierte Anglistin und Musikwissenschaftlerin hat über 30 Jahre Erfahrung in den verschiedensten Positionen der deutschen Industrie gesammelt. Darüber hinaus sitzt sie in zahlreichen Gremien und Aufsichtsräten, unter anderem im Kuratorium der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Sie lebt in Köln und Darmstadt.

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