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Claudia Hontschik: Große Ziele, kleine Taten

Würden Sie ein Restaurant besuchen, das keine Toilette hat? Würden Sie ins Theater gehen, wenn Sie nur in der allerletzten Reihe am Rand sitzen dürfen? Claudia Hontschik erzählt in ihrem neuen Buch aus ihrem Alltag mit Multipler Sklerose. Sie kann nicht laufen, sitzt im Rollstuhl, ist behindert. Oder besser: Sie wird ständig behindert. Neben Schnee und Glatteis, neben Treppenstufen, Schlaglöchern und Pflastersteinen ist die Gedankenlosigkeit ihr größter Feind. Ein kleiner Auszug pünktlich zum Welt-MS-Tag am 30. Mai, damit wir beim nächsten Mal vielleicht nicht so gedankenlos sind …

In Frankfurt am Main sind wir noch weit entfernt von der Umsetzung der UN-Behindertenrechts-Konvention, der die Bundesrepublik Deutschland ja schon 2009 beigetreten ist. Seit fast dreißig Jahren habe ich Multiple Sklerose, die letzten fünf Jahre davon bin ich  im Rollstuhl unterwegs. Vor kurzem habe ich ein Buch über meine Alltagserfahrungen mit MS und jetzt im Rollstuhl geschrieben: „Frau C. hat MS – Wenn die Nerven blank liegen“.

Ein Kapitel beschreibt die Tücken eines Besuchs der Städtischen Bühnen. Über die 1963 errichtete Theaterdoppelanlage und seine Zukunft geht seit einigen Monaten eine millionenschwere Diskussion durch die Stadt. Damals war das Schauspielhaus eine topmoderne, richtungsweisende Doppelbühne, mit neuester Technik und zeitgenössischer, provozierender Kunst. Für die damalige Theaterwelt war dieser Bau ein großer Schritt nach vorn, aus der Nachkriegszeit hinaus in die Moderne, in die Welt. Jetzt aber gibt es Probleme mit der veralteten Technik, mit dem Brandschutz, mit den modernen Anforderungen eben. Soll man also das Schauspielhaus abreißen und an der gleichen Stelle ein neues Haus in sechs Jahren Bauzeit für geschätzte 889 Millionen Euro errichten? Oder doch lieber eine elf Jahre dauernde Sanierung im laufenden Betrieb für geschätzte 868 Millionen Euro anpeilen? Bei einer Auslagerung des Schauspiels bräuchte man sogar nur acht Jahre und 848 Millionen Euro. So wird mit den Millionen und der Zeit jongliert.

Darauf kann ich unmöglich warten und entscheide mich jetzt für Arthur Millers „Alle meine Söhne“, bestelle telefonisch Karten. Die kommen bequem mit der Post zu mir nach Hause. Es ist Sonntagabend, um 18 Uhr beginnt die Vorstellung. Am Morgen hat sich eine dicke, weiche Schneedecke über die Stadt gelegt. Damit war beim Kartenkauf nicht zu rechnen, es ist Mitte März. Muss ich den Theaterbesuch aufgeben unter diesen erschwerten Bedingungen? Nach einigem Hin und Her will ich es dennoch wagen.

Zu Hause klappt alles bei der Abfahrt routiniert: Ein freundlicher Taxifahrer erwartet uns mit ausreichendem Abstand zum Bordstein, mein Mann setzt mich vom Rollstuhl  auf den Beifahrersitz, ich binde mir mit einem Schal die Beine zusammen, weil die sonst nicht stehenbleiben können. Da ich vorne sitze, kann ich mich gut mit dem Fahrer unterhalten. Er hat tatsächlich eine Wohnung in der Stadt, in einer ehemaligen Ami-Siedlung. Es wohnen also doch noch ein paar Normalverdiener in der Stadt.  Der Straßenverkehr sei aber ziemlich laut. Nur heute Morgen sei es mit dem Schnee ganz still gewesen.

Wir nähern uns dem Schauspielhaus. Einige Mannschaftswagen der Polizei halten unseren Fahrer nicht davon ab, auf den Fußgängern vorbehaltenen Platz direkt davor zu chauffieren. Er wisse auch nicht, wo sonst ich in Ruhe aussteigen könne. Zwischen Matsch und Schneeresten findet er einen trockenen Platz. Es empfängt uns ein eisiger Wind, und wir klinken uns in den schnellen Strom der Theaterbesucher ein. Hu, endlich drin, hoffentlich hat der Taxifahrer keinen Strafzettel bekommen. Vor der Tür eine Demonstration von Kurden gegen die türkische Invasion in Afrin.

Endlich oben im Saal erleben wir dann ein atemberaubendes fulminantes Stück. Ganz benommen noch von den Eindrücken der Aufführung, teilen sich anschließend drei ältere Damen den kleinen, rumpeligen Aufzug mit mir. Sie lassen mich noch mitfahren, obwohl ich die Letzte bin, die zu der kleinen Gruppe dazukommt, die schon vor dem Aufzug wartet. Zuvor musste ich erst mal die Rollstuhlhebebühne vom Halbstock hinunter nehmen. Gut, dass ich die schon kannte und selbst bedienen kann. Ja, wir haben alle mit etwas Absprache, wer wo stehen kann, hineingepasst, mein Mann eilt zur Treppe. Wir im Aufzug stehen dicht gedrängt und sind uns einig über die beeindruckenden Schauspieler*innen, die wir gerade erlebt haben.

Mein Mann und ich machen uns danach zügig davon. Nach nur 90 Minuten Aufführung will ich es schaffen, ohne nochmal aufs Klo zu gehen. Denn die Toilette im Erdgeschoß ist zwar mit einem Rollstuhlfahrerzeichen versehen, die Tür aber geht nach innen auf, dadurch ist es viel zu eng. Man muss bis zur Wand hineinfahren, um hinter sich die Tür schließen zu können, dann wieder rückwärts und wenden. Sie hätte längst umgebaut werden können; warum bloß ist das nicht geschehen, obwohl genug Platz vorhanden gewesen wäre? Das ganze Haus ist schlicht katastrophal für Rollstuhlfahrer*innen, ja, es behindert uns tatsächlich schwer.

Die Jacken hatten wir mit reingenommen und können jetzt direkt durchstarten: Jacken an und raus. Da stehen wir wieder auf dem immer noch zugigen Platz. Und jetzt? Wir waren ganz mit dem Hinkommen beschäftigt, kein Gedanke an den Abmarsch. Der Taxiplatz an der Seite des Gebäudes liegt zwischen Matsch und Resten von Schnee. Der Taxifahrer kann natürlich nicht über die Schienen zu uns hochfahren. Das sei verboten. Es hilft nichts, wir kämpfen uns vor und schaffen es, hinten am Wagen vorbei, auf die Beifahrerseite zu gelangen. Der Verkehr braust direkt hinter uns vorbei. Beim Einsteigen findet mein Mann auf dem matschigen Untergrund kaum sicheren Halt. Beim Transfer auf den Sitz strecken meine Beine durch. Fast stürzen wir ab. Ein unwürdiges Schauspiel.

Früher, als nur „Herrschaften“ Oper und Schauspiel besuchten, gab es eine Droschkenauffahrt. Heute können alle an diesem Kulturereignis teilnehmen, sollen und können Busse und Bahnen zur Anfahrt benutzen. Übrig bleiben nur die auf das Taxi Angewiesenen: Rollstuhlfahrer*innen, Leute mit Krücken und Stöcken, Alte und Gebrechliche. Sollen die zu Hause bleiben? Ist es denn wirklich so schwierig, einen ruhigen und gefahrlosen Halteplatz zum Ein- und Aussteigen zu schaffen? Wie viele Millionen müsste man wohl dafür veranschlagen?

 

Claudia Hontschik

Claudia HontschikClaudia Hontschik, geboren 1953, studierte Pädagogik in Marburg und Frankfurt am Main. Sie arbeitete im Projekt „Kita 3000“ der Stadt Frankfurt mit Kindern, anschließend als Fortbildungsreferentin. Danach studierte sie Supervision in Kassel und bildete sich zur systemischen Beraterin weiter. Seit 1998 ist sie freiberuflich tätig. Sie lebt mit ihrem Mann in Frankfurt am Main und hat zwei erwachsene Kinder.

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