/Kommentare/Belogen und betrogen: die große Rentenlüge

Belogen und betrogen: die große Rentenlüge

Rund die Hälfte der heute Erwerbstätigen ist im Alter akut von Altersarmut bedroht. Das ist die unmittelbare Folge eines politisch gewollten Zerstörungsprozesses, sagen die Rentenexperten Holger Balodis und Dagmar Hühne. Sie entlarven in ihrem neuen Buch die „große Rentenlüge“ und fordern einen radikalen Kurswechsel in der Altersversorgung – und nehmen vor allem das Mantra der Generationengerechtigkeit auseinander, das von interessierten Kreisen aus Wirtschaft und Politik immer wieder kolportiert wird.

 

Warum die große Rentenlüge?

Fake-News gab es schon lange vor Trump. Ein Beispiel ist die zum Fakt erhobene These, die demografische Entwicklung erlaube keine ordentlichen Renten mehr. Auf diesem Unsinn basieren die Riester-Reform und die geplante Absenkung der Renten auf ein Armutsniveau für breite Schichten. Dazu kommt die Behauptung, private Vorsorge könne all das ausgleichen oder verhindern. Sie wäre effizienter und besser als die gesetzliche Rente. Genau das ist es, was wir für „die große Rentenlüge“ halten. Und weil nahezu alle politischen Parteien in fast skandalöser Weise an dieser Lüge beharrlich festhalten, mussten wir ganz einfach dieses Buch schreiben.

 

Der demografische Wandel

Wir beobachten die deutsche Sozialpolitik seit Jahrzehnten und müssen feststellen: Keine Lüge oder Irrtum (im Falle jener Politiker, die guten Glaubens ernsthaft davon überzeugt sein sollten!) hält sich so hartnäckig wie die Rentenlüge, nach der quasi zum Naturgesetz erhoben wird, dass niedrige Geburtenraten zu niedrigen Renten führen müssen. Dabei widerspricht das fundamental allen Erfahrungen, die wir machen durften. Wir konnten entweder aus eigenem Erleben, Erzählungen oder Geschichtsbüchern feststellen, dass seit über 100 Jahren – nur unterbrochen von einem kurzen Intermezzo Anfang der 1960er Jahre – die Geburtenraten sinken. Das war aber nicht mit zunehmender Verelendung verbunden, sondern mit steigendem Wohlstand, kürzerer Arbeitszeit, mehr Urlaub, höheren Löhnen und auch höheren Renten. Die Produktivitätssteigerungen waren so hoch, dass sie für Arbeitnehmer wie Rentner mehr Wohlstand möglich machten.

Mit anderen Worten: Es gibt den demografischen Wandel. Doch erstens liegt er ganz wesentlich schon hinter uns und zweitens hat er keineswegs geschadet, weder der Gesellschaft im Allgemeinen noch der Rente im Besonderen. Und es gibt keinen erkennbaren Grund, weshalb dies in Zukunft anders sein sollte. Das Erstaunliche: Selbst rund 15 Jahre nach der Riester-Reform gibt es keine Bereitschaft zur Kehrtwende bei führenden Politikern. Man sollte meinen, ein Irrweg würde, wenn er offenkundig wird, als solcher erkannt und korrigiert: Die Altersarmut steigt, die Erträge aus privater Vorsorge gehen gegen Null. Und was passiert? Union und SPD verfahren nach dem Motto: Das Gift hat nicht gewirkt, also erhöhen wir die Dosis. Sie verordnen dem Volk noch mehr private Vorsorge. Durch noch höher subventionierte Riester-Renten und vor allem mehr Betriebsrenten.

Letzteres ist besonders perfide: Betriebsrente, das klingt nach einer Arbeitgeberleistung, sie ist aber heutzutage fast vollständig arbeitnehmerfinanziert. Es scheint zunächst dennoch lukrativ, weil man damit Steuern und Sozialabgaben sparen kann. Im Alter wird dann jedoch kräftig abkassiert und die tolle Betriebsrente erweist sich genau betrachtet für viele als Verlustgeschäft. Schlimmer noch: Arbeitnehmer, die tatsächlich Gehaltsbestandteile in künftige Betriebsrenten umwandeln, werden mit schlechteren Sozialleistungen bestraft. Sie bekommen später weniger gesetzliche Rente und im Falle eines Falles weniger Arbeitslosengeld und auch weniger Krankengeld. Wer kann das wollen?

 

Wer profitiert von der Rentenlüge?

Das bringt uns zur entscheidenden Frage: Wer profitiert von der Rentenlüge? Ganz offenkundig die Arbeitgeber. Wird die umlagefinanzierte Rente auf Sparmodus gesetzt, können sie sich über niedrige Arbeitgeberbeiträge freuen. Sie sind derzeit nur so hoch wie vor der Wiedervereinigung. An den neuen Betriebsrenten müssen sich die Arbeitgeber praktisch nicht beteiligen. An den Riester-Renten ohnehin nicht.

Ein sinkendes Rentenniveau verbunden mit mehr privater Vorsorge, das ist ein perfektes Sparprogramm für die Arbeitgeber. Und ein gutes Geschäft für all jene, die private Vorsorge verkaufen: Versicherungen, Banken, Fondsgesellschaften. Dumm nur, dass der Verkauf von privater Vorsorge so teuer und die Rendite so kümmerlich ist, dass für die Kunden am Ende nichts mehr bleibt. Allmählich sollte der Groschen fallen: Für die Versicherten ist das Ganze gar nicht gedacht. Ein gutes Beispiel ist das kürzlich verabschiedete Betriebsrentenstärkungsgesetz. Die Politik sagt, es ginge darum, mehr Beschäftigten zu einer Betriebsrente zu verhelfen.

Tatsächlich geht es wohl darum, Allianz & Co ein milliardenschweres neues Geschäft zuzuschanzen. Denn Betriebsrenten werden fast ausschließlich durch die großen Lebensversicherer betrieben. Ein risikoloses Geschäft. Bezahlt von den Arbeitnehmern. Und bei den neuen Betriebsrenten müssen weder Arbeitgeber noch Lebensversicherer für irgendwas garantieren. Hochoffiziell darf am Ende weniger rauskommen als eingezahlt wurde. Soweit so schlecht. Aber der eigentliche Skandal an der Rentenpolitik ist, dass es nachweislich auch ganz anders ginge. Und zwar viel besser für die Versicherten. Und das ist wiederum die wirklich gute Nachricht unseres Rentenbuches: Viel höhere Renten für alle sind problemlos finanzierbar.

Das zeigt ein Blick über Deutschlands Grenzen. Nicht nur im vielzitierten Österreich sind die Renten deutlich höher als bei uns. Es funktioniert immer dann, wenn die Last nicht alleine auf die versicherungspflichtig Beschäftigten abgeladen wird. Also wenn alle einzahlen, auch Selbstständige und Beamte. Und wenn sich Staat und Unternehmen nicht aus der Verantwortung stehlen. Dann sind ausreichend hohe Renten für alle drin. Auch ohne private Zusatzverträge.
Damit entlarvt sich das Demografiegerede als das was es ist: Propaganda. Diesen Quatsch packen Sie am besten in die Mottenkiste.

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Über die Autoren

Holger BalodisHolger Balodis, Jahrgang 1960, berichtete zusammen mit Dagmar Hühne 25 Jahre lang als Fachautor für die ARD-Magazine „Monitor“, „Plusminus“ und „Ratgeber Recht“. Sie sind ausgewiesene Experten auf den Gebieten Altersvorsorge, Versicherungen und Finanzen und haben zu diesen Themen zahlreiche Bücher für die Verbraucherzentralen und „Stiftung Warentest“ verfasst. Außerdem im Jahr 2012 den Spiegel-Bestseller „Die Vorsorgelüge“. 2014 veröffentlichte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ihre Untersuchung „Privatrenten als (un)geeignetes Instrument der Altersvorsorge“.
Dagmar HühneDagmar Hühne, Jahrgang 1960, berichtete zusammen mit Holger Balodis 25 Jahre lang als Fachautorin für die ARD-Magazine „Monitor“, „Plusminus“ und „Ratgeber Recht“. Sie sind ausgewiesene Experten auf den Gebieten Altersvorsorge, Versicherungen und Finanzen und haben zu diesen Themen zahlreiche Bücher für die Verbraucherzentralen und „Stiftung Warentest“ verfasst. Außerdem im Jahr 2012 den Spiegel-Bestseller „Die Vorsorgelüge“. 2014 veröffentlichte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ihre Untersuchung „Privatrenten als (un)geeignetes Instrument der Altersvorsorge“

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