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Aktuell oder nicht aktuell, das ist hier die Frage

Was auch immer in den Nachrichten kommt, eines ist sicher: Wir scheitern zunehmend daran, uns ein objektives Bild der Realität zu machen. Während uns die „Breaking News“ aus aller Welt in Atem halten, entziehen sich entscheidende Veränderungen unserer Aufmerksamkeit: Digitalisierung, Überwachung, die enger werdenden Grenzen der Meinungsfreiheit. Der Physiker, Jurist und Kognitionsforscher Alexander Unzicker analysiert in seinem neuen Buch die Herausforderungen für unser Denken im postfaktischen Zeitalter. In seinem aktuellen Kommentar für Westend empfiehlt er, sich vom Diktat des Aktuellen zu befreiten − und er fragt sich:

Wie schreibe ich einen aktuellen Kommentar, ohne mir selbst heftig zu widersprechen?“

Nach der von Nobelpreisträger Daniel Kahnemann diskutierten Fokussierungsillusion, überschätzen wir die Wichtigkeit von aktuellen Ereignissen grob: Unsere Wahrnehmung der Gegenwart ist eine gigantisch vergrößernde Lupe. Viele Themen, die heute unsere Gemüter erhitzen, entlocken uns später nur mehr ein müdes Lächeln, wenn wir sie in alten Zeitschriften lesen. Überträgt man diesen Gedanken auf das hier und jetzt, ist das Ausmaß unseres emotionalen Engagements für Tagesnachrichten, aber auch für aktuelle private Erlebnisse, vollkommen irrational.

Dies zu erkennen und zu formulieren, ist die eine Sache. Die Empfehlungen, die man als Autor gibt, im eigenen Leben praktisch umzusetzen, noch eine andere Herausforderung − mit der ich durchaus täglich kämpfe, aber als eines der wichtigen Dinge erachte, die ich selbst aus dem Schreibprozess mitgenommen habe.

Kurzfristigkeit durchzieht unser ganzes Leben, angefangen mit einem Wirtschaftssystem, das in Quartalszahlen denkt, über die politischen Aufregerthemen in den Medien, die eine Halbwertszeit von wenigen Wochen haben, bis hin zum irrlichternden Meinungsgebrodel auf Twitter, von dem man als reflektierender Mensch besser Abstand hält. Es ist leicht, all dies zu kritisieren, aber die Evolution hat unsere Gehirne gierig nach neuer Information konstruiert, was im Zeitalter der Informationsflut zur Bürde, oder besser, zur Suchtgefahr geworden ist. Den Kampf um die Nachhaltigkeit muss daher jeder bei sich selbst beginnen.

Mir hilft dabei die Beschäftigung mit der Geschichte, die einen unschätzbaren Filter für das Relevante darstellt – sei es in der Politik oder Wissenschaft. In meinen Vorträgen über Kosmologie zitiere ich gerne einen Dialog, der sich zwischen König Friedrich Wilhelm IV. Und seinem Hofastronomen zugetragen hatte. Der König, welcher die Himmelskunde sehr wohlwollend förderte, neckte einmal seinen Freund und Untergebenen mit der Frage: „Na, Argelander, was gibt‘s Neues am Himmel?“, worauf dieser schlagfertig entgegnete: „Kennen Majestät schon das Alte?“

Welche Themen kommen einem eigentlich in den Sinn, wenn es nichts „Neues“ zu berichten gibt, wenn man jeglichen aktuellen Input außen vorlässt? Was sind heute, jenseits der Tagespolitik, die wirklichen Probleme des Planeten: Kriegsgefahr? Artenterben? Meteoriten? Globale Seuchen? Sonneneruptionen? Übervölkerung? Klimawandel? Umweltverschmutzung? Superintelligenz? Es ist ziemlich schwierig, eine sinnvolle Reihenfolge anzugeben, vor allem, wenn man die Handlungsmöglichkeiten betrachtet.

Als Humanist bedeutet jedoch politisches Bewusstsein, nicht nur am eigenen Überleben, sondern auch an dem der Art interessiert zu sein. Können wir das überhaupt schaffen, ohne zum Beispiel unsere möglicherweise astrobiologische Herkunft oder andere Naturgesetze gründlich verstanden zu haben?

Jedenfalls benimmt sich aus dieser Perspektive Homo sapiens im Moment äußerst merkwürdig. Obwohl der Lebensraum Erde bereits deutlich von seiner Besiedelung gekennzeichnet ist, beschäftigt sich die Menschheit im Wesentlichen mit internen Konflikten. Global verbindliche Regeln oder gar eine konstruktive Kooperation existieren nicht. Jeder halbwegs intelligente Außerirdische würde dies als einen unzivilisierten Zustand ansehen, dem noch viele gesellschaftliche Evolutionsschritte zu einer Langzeitperspektive auf dem Planeten fehlen.

Begegnen sich zwei Planeten im Weltall:
„Was machst Du so, wie geht’s Dir?“ –
„Schlecht! Ich hab‘ Homo Sapiens“ –
„Keine Sorge, das vergeht von selbst!“

Nun, wer am Ende dieses Kommentars eine Lösung für die Rettung der Welt erwartet: Ich habe leider auch keine. Aber Denken und Lernen kann auf keinen Fall schaden. Und noch ein kleiner Trost: wenn Sie Bücher lesen, haben Sie sich schon ein Stück weit dem Diktat des Aktuellen entzogen. Ihr Verstand, ihr Wohlbefinden, vielleicht auch die Welt, wird es Ihnen danken.

Alexander Unzicker

Alexander UnzickerDr. Alexander Unzicker ist theoretischer Physiker, Jurist und promovierte in der kognitiven Psychologie. Sein wissenschaftskritisches Buch "Vom Urknall zum Durchknall" (Springer Verlag) wurde als "Wissenschaftsbuch des Jahres" gekürt. Neben seiner Physik-Kolumne beim Nachrichtenportal Telepolis schreibt er ebenfalls über zeitgeschichtliche Entwicklungen. Sein Hintergrund als Neurowissenschaftler erlaubt ihm einen besonders fundierten Blick auf Probleme, die die Welt heute dem menschlichen Verstand stellt.

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