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Abrechnungszwang korrumpiert Medizin

Bernd Hontschik hat in seinen vierzig Jahren Berufserfahrung als Chirurg die Verwandlung der Humanmedizin in einen profitorientierten Industriezweig selbst erlebt und liefert mit seinem Buch „Erkranken schadet Ihrer Gesundheit“ einen spannenden, manchmal erschütternden Blick auf Medizin und Gesundheitswesen. Jedes Kapitel dieses Buches ist ein flammender Appell aus immer neuen Blickwinkeln, zur eigentlichen Bestimmung der Medizin zurückzukehren – genauso wie auch sein heutiger Kommentar.

Etwa um die Jahrtausendwende fand im bundesdeutschen Gesundheitswesen so etwas wie eine Revolution statt, von der zunächst aber nur unmittelbar Betroffene etwas bemerkten. Es handelte sich um eine fundamentale Neuordnung der Krankenhausfinanzierung. Die Krankenhäuser wurden bis dahin mit sogenannten Tagessätzen finanziert: Für jeden Tag Liegezeit der Er krankten erhielten sie eine bestimmte Pauschale. Dieses zeitorientierte System wurde ab 1999 schrittweise durch die sogenannten Fallpauschalen abgelöst, ein diagnoseorientiertes System. Von da an wurden Krankenhäuser nach der Schwere der Diagnosen, den DRGs, bezahlt.

Es dauerte nicht lange, bis ein völlig veränderter Umgang mit den Erkrankten entstand. Nur das Krankenhaus, das mit möglichst geringen Kosten in der Lage war, möglichst viele und möglichst erheblich Kranke in möglichst kurzer Zeit zu behandeln, machte Gewinne. Wer sich aber auf zeitraubende, empathische Medizin einließ, der machte Verluste. Die Frage war nicht länger: „Was brauchen die Kranken?“, sondern: „Was bringen sie uns ein?“ Die Frage war nicht länger: „Wie viele ÄrztInnen und PflegerInnen werden für eine gute Medizin gebraucht?“, sondern: „Wie viele Stellen können wir streichen?“ Die Liegezeit hat sich inzwischen halbiert, die Zahl der PatientInnen ist um ein Fünftel gestiegen, gut bezahlte operative Eingriffe haben enorm zugenommen, gestrichen wurde Schritt für Schritt alles, was sich nicht rechnet. Gleichzeitig sind 60.000 Stellen in der Pflege weggefallen.

Das fundamental Fatale an dem neuen System war und ist die ökonomische Verknüpfung zwischen der medizinischen Tätigkeit und der Diagnose mit der Höhe der Bezahlung. Die Abrechnung nach Tagessätzen hatte früher dazu geführt, dass PatientInnen länger als notwendig auf den Stationen blieben. Das heutige DRG-System aber hat nicht nur ganz neue Berufe entstehen lassen, etwa die sogenannte Codierfachkraft, sondern KrankenhausärztInnen in eine tägliche Schlacht mit den ÄrztInnen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen gezwungen. Dabei wird gelogen und betrogen, dass sich die Balken biegen, und, was noch viel schlimmer ist, die Medizin unter dem Joch der Abrechnungszwänge korrumpiert und deformiert. Diagnosen werden aufgebauscht, unnötige Operationen nehmen zu, viel zu frühe Entlassungen kommen ständig vor und medizinische Maßnahmen werden in möglichst viele Schritte unterteilt, um immer wieder neue Abrechnungsziffern zu generieren.

All das hat mit Medizin nichts mehr zu tun. Im Gegenteil: Es zerstört ihre Fundamente. Das Prinzip der Fallpauschalen lautet kurz gefasst: So wenig Zeitaufwand, Personaleinsatz und so schwerwiegende Diagnosen wie möglich, alles für den höchstmöglichen Erlös. Krankenhäusern, die nicht in der Lage sind, unter diesem Regime schwarze Zahlen zu schreiben, droht Schließung oder Verkauf, letzteres natürlich an private Klinikkonzerne.

Ökonomisches Denken, wirtschaftlich vernünftiges Handeln steht nicht im Widerspruch zu guter Medizin. Aber hier geht es überhaupt nicht um Vernunft, sondern um Rendite. Und hier gilt der Satz des berühmten amerikanischen Kardiologen und Nobelpreisträgers Bernard Lown: „In dem Moment, in dem Fürsorge dem Profit dient, ist die wahre Fürsorge verloren.“ Das DRG-System muss so schnell wie möglich beseitigt werden. Dabei muss man gar nicht zu dem antiquierten System der Tagessätze zurückkehren. Man könnte stattdessen alle Krankenhäuser nach einem durchdachten Bedarfsplan in kleine, mittlere und große sowie Maximalversorger einteilen, regionalen Besonderheiten Raum geben und dann die Vergütung entsprechend dem Auftrag des Krankenhauses pauschal regeln, vernünftige Personalschlüssel und nachvollziehbare Qualitätsvorgaben inklusive. So einfach wäre das. ÄrztInnen wären wieder mit der Medizin beschäftigt, Pflegekräfte wie der mit der Pflege, und das Wohl der Kranken stünde wieder im Mittelpunkt.

Bernd Hontschik

Bernd HontschikDr. med. Bernd Hontschik, geb. 1952, war bis 1991 Oberarzt an der Chirurgischen Klinik des Krankenhauses Frankfurt-Höchst und bis 2015 in eigener chirurgischer Praxis tätig. Er ist Autor des Bestsellers "Körper, Seele, Mensch" und Herausgeber der Reihe "medizinHuman" im Suhrkamp Verlag. Er schreibt Kolumnen in der Frankfurter Rundschau, ist Mitglied bei der Uexküll-Akademie (AIM), bei mezis und bei der IPPNW und im wissenschaftlichen Beirat der Zeitschrift "Chirurgische Praxis".

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