Die Dümmsten Sprüche aus Politik, Kultur und Wirtschaft
 
Jens J. Korff

Jens J. Korff

ist studierter Historiker und Politologe, Werbe- und Webtexter, Autor von Umweltlexika und aktiv im Umwelt- und Klimaschutz.

 
   
 

Die dümmsten Sprüche aus Politik, Kultur und Wirtschaft und wie Sie gepflegt widersprechen

Jens J. Korff

Dogmen über Wirtschaft und Wohlstand (Aus dem Inhalt)

»Eine starke Wirtschaft zeigt sich an ihrer Exportstärke.«

Oder auch: ≫Wir müssen alles tun, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben.≪ Mit solchen Parolen prügelt eine Bande von Wirtschaftsfunktionaren, -professoren, -journalisten und politikern die Deutschen seit 1990 von einer Exportweltmeisterschaft zur nächsten. In Österreich und der Schweiz sieht es nicht besser aus – und wenn man die Exportleistung pro Kopf der Bevölkerung angibt, stehen die beiden kleineren deutschsprachigen Länder sogar über dem arroganten großen Bruder im Norden. 1 Bei der Exportquote, also dem Verhältnis zwischen Export und Bruttoinlandsprodukt (BIP), steht Österreich knapp vor dem viel gefeierten schwarz-rot-goldenen ≫Exportweltmeister≪; doch beide weit abgeschlagen hinter der Slowakei, die mit rund 83 Prozent den Spitzenplatz in der EU besetzt.2 Dieser Umstand erledigt im Vorbeigehen die einäugige Fixierung auf Exportkennziffern: Kleine Länder haben nämlich viel eher eine höhere Pro-Kopf- oder BIP-bezogene Exportquote als größere Länder, weil kleine Länder einen kleinen Binnenmarkt haben. Ihre Wirtschaft ist deshalb naturgemäß stärker international orientiert als die von größeren Ländern wie Deutschland oder gar China und Usa, wie auch ihre Einwohner im Schnitt mehr internationale Kontakte haben. Über die Stärke der jeweiligen Wirtschaft sagt das nichts aus.

Der merkwürdige Glaube vieler Deutscher an die Wirtschaftswunderkraft der Exporte erinnert an Pfauen, die sich einbilden, die Größe ihrer Räder sei ein Maß für ihre Vitalität. Seltsam, denn wer Waren für den Export produziert, kommt selbst nicht in den Genuss davon. Viele Ostdeutsche kennen das noch von den Volkseigenen Betrieben, in denen ≫Privileg≪-Möbel und Küchengeräte für den Otto- und den Quelle-Versand produziert wurden. Die Worte, die sie dafür bekamen, wärmten besser als die Wintermäntel.

Dauerhafter Exportüberschuss heißt, dass dauerhaft mehr Waren und Dienstleistungen abgegeben werden als eingekauft. Die Erlöse daraus gehen mangels Binnennachfrage in die Spekulation. Fünfzehn Jahre lang hat die Parole, Deutschland müsse ≫seine Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt wiedergewinnen ≪ (die in Wirklichkeit nie verloren gegangen war), als Begründung gedient, um Löhne zu drücken, Steuern für Unternehmer abzusenken, Sozialleistungen und staatliche Dienstleistungen abzubauen, Infrastruktur und Bildungswesen verkommen zu lassen. Investitionen in Schulen, Bahnen, Brücken oder Umweltschutz erhöhen die Exportquote nicht, im Gegenteil. Wer auf Export fixiert ist, muss derlei Schnickschnack also unterlassen und verfügt: ≫Es gibt nichts mehr zu verteilen.≪ In der Folge konnten deutsche Konzerne mit Dumpingpreisen ihre Konkurrenten in Südeuropa plattmachen. Dies ist zumindest ein Aspekt der europäischen Finanzkrise. Ein anderer ist unvermeidlicherweise die Verschuldung derjenigen, die deutsche Autos und andere Exportprodukte gekauft haben.

Zu dieser Strategie deutscher Konzerne gehörte die Absenkung des Lohn- und Gehaltsniveaus in vielen deutschen Branchen durch die breite Einführung von Niedriglohnen, Zeitarbeit und Scheinselbstständigkeit, also eine allgemeine Absenkung des Lebensstandards, also das Gegenteil von Wohlstand. Exporterfolg geht überspitzt gesagt auf Kosten des Wohlstands der Bürger. Doch vertrackterweise wird dieser Zusammenhang dadurch verdeckt, dass exportorientierte Industrieunternehmen oft in medienwirksamen Vorzeigebereichen, zum Beispiel in der direkten Autoproduktion, überdurchschnittliche Löhne und Gehälter zahlen, während sich die Billiglohn- und Ausbeutungsexzesse vor allem in der Peripherie der Konzerne sowie in binnenmarktorientierten Branchen abspielen: im Einzelhandel, im Gastgewerbe, bei Dienstleistern aller Art, im Bereich von Medien, Kultur und Weiterbildung. Diesen Widerspruch zu analysieren, ist ein weiterer Forschungsauftrag, denn ich vergeben mochte. Bis dahin lautet der Schnellschuss jedenfalls:

Exportoffensiven gehen auf Kosten des Wohlstands

 
Erschienen am:16.02.2015
ISBN:978-3-86489-086-4
Seitenzahl:256
Ausstattung:Broschur

 

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